Sport : Immer auf die Schnauze

Graciano Rocchigiani wurde schon oft benutzt, heute kämpft er gegen Thomas Ulrich – zum letzten Mal

Michael Rosentritt

Berlin. Der Boxer Graciano Rocchigiani müsste eigentlich Geschichte sein. Graciano Rocchigiani ist 39 Jahre. Er wurde vor 15 Jahren Weltmeister, er hat zwanzig Jahre geboxt. Er hat mehr Narben, Beulen und Brüschen davon getragen als die meisten anderen Boxer Kämpfe haben. Reich sind meist nur die anderen geworden. Geblieben ist ihm sein Name – Graciano Rocchigiani. Und den wirft er noch einmal in den Ring.

In Stuttgart wird er heute in den Boxring der Schleyerhalle klettern. Sein Gegenüber ist der Berliner Thomas Ulrich. Der ist 27, im besten Boxeralter. Dass Graciano Rocchigiani seinen Namen aufs Spiel setzt, wird ihn nicht sonderlich interessieren.

„Graciano ist ein Vertreter einer verschwundenen Boxergeneration“, sagt Wolf-Dieter Poschmann. Poschmann ist Sportchef des ZDF, das den Kampf live (ab 22 Uhr) übertragen wird. Rocchigiani verkörpere einen besonderen Stil. „Er ist ein Instinktboxer, ein Straßenkämpfer.“ Ulrich dagegen sei ein „Ästhet, ein eleganter Techniker“, sagt Poschmann. Beide seien gänzlich unterschiedliche Typen. Das ist gut fürs Boxen und hat Tradition. „Auf der einen Seite haben sie den Straßenköter, wie Rocchigiani sich selbst beschreibt. Auf der anderen Seite den großen Blonden, ein Beau, ein Frauenschwarm. Das passt.“

Tradition hat aber auch, dass die Figur Graciano Rocchigiani vom Fernsehen benutzt wird. Früher von RTL und Sat 1. Heute kramt ihn das ZDF hervor. Seit vergangenen Sommer überträgt der Sender Boxen. Bis auf die Klitschkos ziehen keine Boxer viele Millionen Menschen vor die Fernseher. Rocchigiani schon. Er ist ein Quotenbringer. Und das in seinem 20. Berufsjahr. Ein Phänomen. Seine Vita eignet sich zum idealen Antihelden. Wahlweise wurde er in die Ecke des Bösen, des Schmuddeligen, des Anrüchigen gestellt. Der Gute war er nie.

Seit zwei Jahrzehnten ruft der fast Vierzigjährige Begeisterung, Bewunderung, Abneigung und Empörung hervor. Er lockt die Masse. Er elektrisiert sie, und er teilt sie in zwei Lager. Dazwischen gibt es nicht.

Als Rüpel von der Straße wurde Rocky zu Zeiten des Maske-Booms zum idealen Gegenpart des „Gentleman“ aufgebaut. Eine reine TV-Inszenierung. Niemand taugte mehr dafür als Rocchigiani, dessen Chaos-Karriere filmreif ist. Rocchigiani als ewige Reizfigur, dessen Launen und Laster 20 Jahre lang für Schlagzeilen sorgten. Rocchigiani der Unberechenbare, der „Sturkopp“ (Rocchigiani), der reihenweise Kämpfe platzen lässt, der zurücktritt, weil er „die Schnauze voll“ hat, der zurückkehrt, weil „ick wieder Bock habe“. Über sein eigenes Image sagte er mal: „Ich bin sicherlich nicht immer der bestgelaunte Mensch. Aber ich bin nicht so, wie die Leute glauben: Ich sei nicht richtig in der Birne und würde jeden Moment durchknallen.“

Mit dem Auftauchen von Henry Maske witterten die Promoter und Fernsehmacher das große Geschäft. „Gentleman“ Maske gegen „Bad Boy Rocky“. Graciano spielte seine Rolle perfekt. „Es geht nicht um die WM. Es geht um den Kampf Ost gegen West. Der Wessi haut dem Ossi auf die Schnauze, der Ossi haut dem Wessi auf die Schnauze“, polterte Rocchigiani vor dem Kampf. Am Kampfabend marschierte Rocchigiani zum „Lied vom Tod“ in die Dortmunder Westfalenhalle ein und brachte Maske an den Rand eines Knockouts. Die TV-Quoten schossen in die Höhe. Über 13 Millionen im ersten und über 17 Millionen TV-Zuschauer bei der Revanche ein halbes Jahr später in München, die Rocchigiani klar verlor.

Das Image des unglücklichen Verlierers brachte ihm viele Sympathien ein. Er gilt als ehrliche Haut mit Kämpferherz. Nicht zuletzt durch den Skandalkampf am 10. August 1996 gegen Dariusz Michalczewski, einer Freiluftveranstaltung auf St. Pauli. In diesem WM-Kampf wurde er wegen Nachschlagens disqualifiziert. Ein glattes Fehlurteil. Rocky fühlte sich wie schon im WM-Kampf gegen Chris Eubank (1994) und dem ersten Maske-Kampf verschaukelt. „Betrüger, Schweine!“, sagte er auf der anschließenden Pressekonferenz und tobte. Sein neun Monate älterer Bruder Ralf sagt: „Die Leute mögen ihn, weil er meint, was er sagt.“ Zu Michalczewski sagte Graciano Rocchigiani vor dem Rückkampf: „Es gibt schlaue Deutsche und schlaue Polen. Aber du bist ein dummer Pole.“ Rocchigiani verlor damals den Revanchekampf. Und der WM-Titel, den er später in Berlin gegen Michael Nunn (USA) ehrlich eroberte, wurde ihm in einem skandalösen Ränkespiel des Boxverbandes WBC weggenommen.

In der Schleyerhalle geht es heute um den Intercontinental-Titel des IBF. „Der Titel ist sowieso nur eine Lachnummer. Ich will nochmal richtig Kasse machen“, sagt Rocchigiani. Man hört, 1,5 Millionen Euro soll seine Gage betragen. Rocchigiani braucht Geld. Er hat keines. Gemocht hat er das Boxen nie.

Gegen Maske und Michalczewski etwa maß er sich auf Augenhöhe. Heute Abend ist der sportliche Wert umstritten. Worin soll der liegen, bei einem 39-Jährigen, der zwei Jahre nicht geboxt hat und 279 Tage des vergangenen Jahres im Gefängnis verbracht hat? Sein Gegenüber ist zwölf Jahre jünger. Aber Ulrich hat noch keinen Namen. Über Rocchigiani kann er sich einen machen.

Vor einigen Wochen hat ein New Yorker Gericht Graciano Rocchigiani rund 31 Millionen Dollar Schadensersatz zugesprochen. Ausgerechnet Rocchigiani, die traurige Figur der Branche, hatte sich gerichtlich gewehrt, nachdem ihm der rechtmäßig erkämpfte WM-Gürtel vom WBC weggenommen wurde. Der verurteilte Boxverband meldete daraufhin Insolvenz an. Wann, und ob überhaupt Rocchigiani Geld sehen wird, ob er einen Lebensplan für die Zeit danach hat, steht in den Sternen. Boxen, das hat Graciano Rocchigiani jetzt gesagt, wird er dann nicht mehr. Kämpfen aber – das wird Graciano Rocchigiani sein Leben lang.

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