Sport : Immer blauer

Frankreichs Nationalelf betreibt aktive Wiedergutmachung

Stefan Hermanns

Gelsenkirchen. Die Arena in Gelsenkirchen wurde am Ende immer blauer. Schon lange vor dem Abpfiff waren in den halb leeren Blöcken immer mehr blaue Sitze zu sehen. Blau wie die Farbe der französischen Nationalmannschaft. Die deutschen Fans hatten gepfiffen, weil sie böse waren über die Hilflosigkeit ihrer Mannschaft. Viele waren schon gegangen. Aber je länger das Spiel dauerte, desto klarer wurde ihnen, dass die Hilflosigkeit der Deutschen vor allem einen Grund hatte: die spielerische Überlegenheit der Franzosen. Als deren Nationalspieler das Feld verließen, standen die deutschen Zuschauer von ihren blauen Sitzen auf und applaudierten.

„Ich bin stolz auf unsere Mannschaft“, sagte Bixente Lizarazu nach dem deutlichen Sieg. Solche Tage des Stolzes häufen sich inzwischen wieder für die französische Nationalmannschaft. Seitdem der Trainer Jacques Santini die sportliche Verantwortung für das Team trägt, hat es von 19 Spielen 17 gewonnen und dabei 55:8 Tore geschossen. Dass die Franzosen bei der WM 2002 in ihren drei Vorrundenspielen nicht ein einziges Tor erzielt haben, ist angesichts ihrer Vorgeschichte als amtierender Welt- und Europameister ebenso unverständlich wie angesichts dessen, was seitdem geschehen ist. „Mehr als Weltklasse“, sagte Deutschlands Teamchef Rudi Völler über den Gegner. Aber Weltklasse war Frankreich auch schon vor der Weltmeisterschaft in Asien.

Das WM-Aus als Titelverteidiger und als großer Favorit hat die Franzosen so schwer getroffen, weil es vollkommen unvermittelt kam. Und es hat die Beziehung zwischen der Mannschaft und ihren Anhängern arg belastet. Erst jetzt, nach den jüngsten Erfolgen, „schöpfen die Menschen in Frankreich wieder Hoffnung“, sagt Santini. Nur die desaströse Erfahrung bei der WM erklärt die aktuelle Entwicklung der Mannschaft. Obwohl das Team in Europa nahezu konkurrenzlos ist, legt Trainer Santini großen Wert darauf, „dass die Dynamik in der Mannschaft bleibt“. Am Freitag hat er noch öffentlich erklärt, dass der inzwischen in Manchester beschäftigungslose Fabien Barthez „immer noch unsere Nummer eins ist“. Am Samstag aber stand Grégory Coupet im Tor. „Ich wollte zeigen, dass man auch mit Veränderungen gewinnen kann“, sagte Trainer Santini, „dass auch die Spieler, die neu in die Mannschaft kommen, ihre Aufgaben erfüllen können.“ Niemand darf sich jemals wieder zu sicher fühlen, wie es die Franzosen bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr getan haben.

Für die französische Nationalmannschaft ist jedes Freundschaftsspiel eine Möglichkeit zur Rehabilitation, deshalb nehmen die Spieler auch die Begegnungen ernst, in denen es um nichts geht. Für Spiele gegen Deutschland aber gilt das nur bedingt. „Wir haben 82’ nicht vergessen“, sagte Thierry Henry. „Das war schön heute Abend.“ 1982 verlor die große französische Nationalmannschaft mit Platini, Giresse und Tigana im WM-Halbfinale gegen Deutschland. Diese Niederlage hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Franzosen eingegraben, sonst könnte sich Henry, der damals vier Jahre alt war, nicht auf sie berufen. Und auch Zinedine Zidane hatte dieses Spiel im Hinterkopf, als er sagte: „Es ist schön, in Deutschland zu gewinnen. Gegen einen Gegner, gegen den man immer aufpassen muss.“

Vor 20 Jahren haben die Deutschen ihre spielerische Unterlegenheit noch mit ihrem großen Willen wettmachen können; heute reicht das gegen eine Mannschaft wie Frankreich nicht mehr. „Die sind fast alle Weltklassespieler“, sagte Michael Ballack. Und alle diese Weltklassespieler haben sich dem Ziel verschrieben, wieder gutzumachen, was eigentlich nicht wieder gutzumachen ist, und zumindest im nächsten Jahr den EM-Titel erfolgreich zu verteidigen. „Der Fortschritt ist da“, hat Santini am Samstag nach dem Spiel gesagt. Wenn es so weitergeht, sollte sich der Rest Europas schon mal ein bisschen fürchten.

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