Sport : Immer diese Reifen

Die Spitzenteams der Formel 1 suchen nach Gründen für den bisher ungewöhnlichen Saisonverlauf.

Karin Sturm[Monte Carlo]
Futter für Superhirne. Viele Teams kommen mit den Reifen nicht zurecht. Foto: AFP
Futter für Superhirne. Viele Teams kommen mit den Reifen nicht zurecht. Foto: AFPFoto: AFP

Die unberechenbare Formel 1 im Jahr 2012: Von vielen Top-Teams wird sie inzwischen ein bisschen despektierlich „Reifenlotterie“ genannt. Während sich die meisten Fahrer – mit Ausnahme von Michael Schumacher – zwar eher zurückhalten und immer wieder betonen, dass die Verhältnisse schließlich für alle gleich seien, bemühen vor allem die Teamchefs und die Bosse im Hintergrund das Bild des reinen Glücksspiels, um für sie Unerklärliches zu erklären. Warum es nämlich in diesem Jahr auch Spitzenteams wie Red Bull oder McLaren passieren kann, in einem Rennen ganz vorn, im nächsten aber nur noch im Mittelfeld zu landen.

Bei vielen Experten regt sich inzwischen Widerstand gegen diese ihrer Meinung nach zu einfache Theorie der Reifenlotterie. Für Christian Danner, Fernsehexperte bei RTL, ist die Situation komplexer: „Es sind drei Zutaten, die die diesjährige Formel-1-Saison so gut machen. Die erste sind natürlich die Reifen, weil man mit verschiedenen Strategien fahren kann, das klassische Austaktieren. Aber das funktioniert natürlich nur dann, wenn die Autos so eng beieinanderliegen.“ Und so ist Danner direkt bei Punkt zwei: „Es gibt in diesem Jahr niemanden, der irgendetwas erfunden hat, was besser funktioniert. Das heißt, es kommt eigentlich nur darauf an, dass die Basis einigermaßen stimmt.“ Die dritte Zutat: „Es sind extrem gute Fahrer unterwegs – und zwar auf breiter Front, nicht nur bei den absoluten Top-Teams. Wenn man schaut, wie die Spitze aufgestellt ist, wie eng es da ist – das ist unfassbar.“ Fünf verschiedene Sieger gab es in den bisherigen fünf Rennen – für den Grand Prix in Monaco am kommenden Wochenende tippt Danner auf den Sechsten: In seinem persönlichen Podiumstipp setzte er den französischen Lotus-Piloten Romain Grosjean auf Platz eins, vor Kamui Kobayashi im Sauber und Barcelona-Sieger Pastor Maldonado.

Der Teamchef des auf zwei gesetzten Kobayashi, der Schweizer Peter Sauber, hat eine andere Theorie für das Gemecker bei den Top-Teams: „Ich denke, sie jammern, weil sie es für selbstverständlich halten, dass sie vorne mitfahren. Und wenn sie keine Erklärung dafür haben, dass sie nicht vorne mitfahren, dann jammern sie eben über die Reifen.“ Denn eigentlich müssten ja die, „die den besten Simulator haben, am besten damit umgehen können und die nötigen Ressourcen besitzen. Eigentlich müssten sie doch nur die neuen Parameter eingeben, und dann müssten sie wissen, was der Reifen macht und wie groß das Zeitfenster ist“. Die Top-Teams müssten also mit der aktuellen Situation am besten zurechtkommen, „aber die Realität widerspricht dem“. Seiner Meinung nach liegt die Verschiebung des Kräfteverhältnisses anderswo begründet. „Ich kann mir schon vorstellen, dass diese Verschiebung durch den Wegfall des angeblasenen Diffusors gekommen ist, der einigen einen sehr großen Vorteil gebracht hat.“

Eine Meinung, die auch der zehnmalige österreichische Grand-Prix-Sieger Gerhard Berger teilt. „Das große Entwickeln mit dem angeblasenen Diffusor konnten sich die kleinen Teams nicht leisten. Ebenso wenig das Herumexperimentieren mit den immer flexibleren Frontflügeln .“ Die sind in dieser Form nicht mehr erlaubt. „Damit sitzen die Mittelfeld-Teams den Großen im Nacken – und das mögen die natürlich nicht. Die Fans aber finden es toll, wenn auch finanziell schwächere Teams wie Williams einen Grand Prix gewinnen können.“

Niki Lauda jedenfalls kann „die Ausreden mit den rätselhaften Reifen“ schon nicht mehr hören: „Irgendwann müssen sie diese Gummis verstehen.“ Es könne nicht sein, dass ein Mensch nicht verstehe, was ein anderer Mensch gebaut habe. „Ich dachte, in der Formel 1 würde die Crème de la Crème der Ingenieurskunst arbeiten, lauter Superhirne“, sagt Lauda. „Dass die mehr als fünf Grand Prix brauchen, um die Reifen immer noch nicht zu verstehen, ist ein Unding.“

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