Sport : Immer nur Spaß: 100 Jahre DFB

Armin Lehmann

Das Buch wiegt fast zwei Kilo, ist 620 Seiten lang und hübsch anzusehen. Grüner Einband, goldene Lettern. Der Deutsche Fußball-Bund hat sich zum hundertjährigen Jubiläum selbst ein prachtvolles Geschenk gemacht. Leider verspricht die Verpackung mehr, als der Inhalt hält. DFB-Präsident Egidius Braun drischt den Ball gleich zu Beginn meterweit über das Ziel hinaus oder anders ausgedrückt: Braun verfehlt das Thema. In seinem Vorwort geht es nicht um den DFB, sondern um die Faszination Fußball, um das Spiel, den Spaß mit dem geliebten Ball. Nun hat niemand etwas gegen Spaß, und es wird keiner abstreiten, dass der DFB eine Menge mit Fußball zu tun hat. Nur bleibt so vieles unangesprochen: ein bisschen Selbstreflexion, ein wenig mehr Geschichte (wie es im Titel des Buches angekündigt wird), vor allem mehr Offenheit und Transparenz hätten dem Buch gut getan. So bleibt der DFB einem alten Motto treu: Sport und Politik sind strikt zu trennen.

Schon lange im Vorfeld der Veröffentlichung hatte sich der DFB schwer getan, als es um die historischen Kapitel ging. DFB-Pressesprecher Niersbach hatte angekündigt, dass ein ganzes Kapitel zum Nationalsozialismus erscheinen solle. Leider erweckt der Publizist Karl Adolf Scherer den Eindruck, er habe hier lästige Jahre möglichst dokumentarisch abzuhandeln. Herausgekommen sind dabei einige sehr "unsaubere" Wahrheiten. Scherers Geheimnis bleibt, wie er darauf kommt, dass die deutschen Turn- und Sportverbände "politisch neutral" gewesen seien. Zahlreiche Sportverbände hatten schon vor der Machtergreifung der Nazis jüdische Sportler ausgeschlossen und waren streng antisemitisch ausgerichtet. In der Abhandlung Scherers taumelt der DFB unschuldig ins "Tausendjährige Reich". Es genügt nicht, in den Brockhaus zu schauen und ein paar Zitate aus anderen Büchern abzuschreiben, wenn man gewissenhaft die Rolle der großen Institution DFB mit ihren Verantwortlichen und deren Verstrickungen im Dritten Reich beschreiben will.

Natürlich endet der Aufsatz 1945. Kein Wort darüber, wie schwer sich der DFB nach 1945 mit der Aufarbeitung der Vergangenheit tat. Andere Themen, wie beispielsweise Rassismus, Gewalt und Ausländerfeindlichkeit im Fußball, kommen nicht vor. Nach dieser Festschrift ist die Kritik von Walter Jens weiterhin berechtigt. Der Rhetorik-Professor und Fußball-Liebhaber hatte dem DFB schon 1975 zum 75-jährigen Bestehen vorgeworfen, sich der Geschichte nicht stellen zu wollen. Jens damals: "Fast scheint es, als habe es während der ... faschistischen Herrschaft nur ein einziges Problem gegeben: Wie bringen wir es fertig, die verschiedenen Spielsysteme, das kraftvolle ... WM-System und den eleganten Offensivfußball aus Wien zu verbinden. Auschwitz aber, Buchenwald, Emigration, der Widerstand ..., davon hätte doch auch die Rede sein müssen. Nichts ..."

Insgesamt ist das Buch schwer zugänglich. Die Aufsätze zu unterschiedlichen Themen sind zwar durchweg solide geschrieben, doch wirkt die Aneinanderreihung der Stücke konzeptlos. Immerhin, es lässt sich gut durchblättern. Und es ist nett anzuschauen. Das nächste Buch kommt ja schon in 100 Jahren.100 Jahre DFB. Die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes, Sportverlag Berlin, 1999, 620 Seiten, 68 DM.

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