Sport : Immer voll auf Angriff

Jens Voigt fährt mit 40 noch bei der Tour.

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Sie nennen ihn Jensie. Jens Voigt fährt seine 15. Tour de France – womöglich ist er auch noch nächstes Jahr dabei. Foto: dpa
Sie nennen ihn Jensie. Jens Voigt fährt seine 15. Tour de France – womöglich ist er auch noch nächstes Jahr dabei. Foto: dpaFoto: dpa

Sie nennen ihn „the Jensie“. Für einen fast 41 Jahre alten Familienvater – sechs Kinder hören auf ihn – und nach 16 Profijahren mit Sicherheit mehrfachen Millionär scheint dies nicht unbedingt ein adäquater Name. Aber Jens Voigt tummelt sich gern in einem Umfeld von jungen Kerlen, und trotz seiner Altersringe passt er auch bei seiner 15. Tour de France immer noch hierher. Er ist schlagfertig und zeigt den jungen Radfahrern gern, was attackieren bedeutet. Nicht nur beim Fahren.

Beim Ritt durchs Jura, den Schweizer Teil am Sonntag, den französischen am Mittwoch, rief er die jeweilige Fluchtgruppe des Tages mit ins Leben. „Ich habe doch einen Ruf als Ausreißerkönig zu verlieren“, meinte der gebürtige Mecklenburger hinterher. Er schnupperte sogar kurz an einem Etappensieg – es wäre sein dritter als Solist bei der Tour gewesen. Am Ende wurde er Dritter.

Johny Schleck, der Vater des wohl talentiertesten Brüderpaars im Radsport, kam aus dem Staunen über den guten Kumpel seiner Söhne Fränk und Andy nicht heraus. „Es gibt nur einen, der so etwas kann. Und das ist der Jensie. Fährt in der ersten Woche immer vorn im Peloton, um das Gelbe Trikot zu verteidigen, und jetzt reißt er auch noch aus“, sagte Schleck senior. Der Luxemburger glaubt, dass man „dem Jensie ansieht, welche Freude ihm das Radfahren macht. Dem musst du nicht sagen: Los jetzt, attackiere! Du musst ihn eher bremsen.“

Dem ist nur hinzuzufügen, dass der Wahl-Berliner seine Großtaten und die Quälereien, die dahinterstecken, auch offensiv zu verkaufen weiß. Im „Zombiemodus“ habe er das Finale der schweren Vogesen-Etappe am Samstag bewältigt, erklärte er. „Jetzt habe ich mir einen Ruhetag verdient und kämpfe um Platz 100“, flachste er nach seiner Fahrt auf Platz drei am Mittwoch.

Immer auf Angriff, das ist Jens Voigt. Als er – auch wegen seiner Klappe, mehr noch wegen seiner Reputation polyglotter Radweltbummler mit Engagements in Frankreich und Dänemark – zum Sprecher der Fahrergewerkschaft gewählt war, äußerte er sich drastisch über Doping. „Zieht sie raus und werft sie auf den Scheiterhaufen“, schlug er 2006 in den heißen Zeiten des Fuentes-Skandals vor. Im Gegensatz zu vielen Berufskollegen, die das Visier herunterklappen, wenn die D-Frage kommt, stellt er sich der Diskussion. Und wenn er heraushört, dass der Gesprächspartner an seiner reinen Weste zweifelt, greift er direkt an: „Denkst du, dass ich dope?“

Und da gibt es dann nicht viel mehr ins Feld zu führen als eine Anekdote, die der Dopingkronzeuge Jörg Jaksche mal zum Besten gab: Voigt sollte in den neunziger Jahren dem Vorschlag eines Teamkollegen von Credit Agricole zugestimmt haben, Dopingpräparate am Rand der Tourstrecke zu verbuddeln und später wieder auszugraben.

Und so kommt es, dass Voigt im Gegensatz zu Jahrgangskollegen wie Lance Armstrong wie ein Ritter mit blanker Rüstung wirkt. Wie ein Vertreter des trotz Dopingskandalen und bewiesener flächendeckender Manipulation angeblich erneuerten Radsports, der doch vorrangig aus den alten Protagonisten besteht.

Vielleicht hängt Jens Voigt sogar noch ein Jahr dran. „Ich werde mich im Herbst entscheiden, ob ich weiterfahre oder als Maskottchen am Teambus die Leute begrüße“, sagte er. Typisch „the Jensie“.

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