Sport : Immer wenn es dunkel wird

Die US Open haben ihr Gesicht verändert. Geblieben ist die Faszination der Spiele unter Flutlicht.

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Aufschlag zum Abendevent. Die Nightsessions sind in New York von besonderem Reiz. Novak Djokovic kommt oft in den Genuss, wie im Viertelfinale gegen del Potro. Foto: AFP
Aufschlag zum Abendevent. Die Nightsessions sind in New York von besonderem Reiz. Novak Djokovic kommt oft in den Genuss, wie im...Foto: AFP

Dieser Gestank, er ist überall. Noch auf den obersten Rängen des Arthur-Ashe- Stadiums, wo es fast 40 Meter in die Tiefe geht, brennt sich der penetrante Geruch von Frittiertem in die Nase. Jeder hat ein Papptablett auf dem Schoß mit irgendetwas Fettigem, Verkochtem und Überteuertem. Die Amerikaner lieben das. Dazu gibt es Softdrinks und Bier in bunten Bechern, die so groß sind wie Blumenvasen. Es ist Showtime in Flushing Meadows. Ein paar tausend Watt lassen die gewaltige Schüssel heller erstrahlen als die Sterne am Himmel. Doch haben die Fans nur Augen für die Stars unten auf dem Platz. Zwar geht es heutzutage nicht mehr so rau zu wie einst, doch bei Nacht offenbaren die US Open noch immer ihre durchgeknallte Seele.

Der Lärm, der Gestank, die stickige Luft. Man liebt es, oder man hasst es – dazwischen gibt es nichts. Björn Borg hat es gehasst. Vielleicht hat er die US Open deshalb nie gewonnen. Borg meinte, er käme sich vor wie auf einem „Straßenbasar in Bagdad mit Netzen“. Es waren andere Zeiten damals, als 1975 noch auf dem alten Gelände in Forrest Hills die erste Nightsession gespielt wurde. Das New Yorker Publikum hatte den Ruf, aggressiv zu sein und leicht außer Kontrolle zu geraten; Prügeleien auf den Tribünen waren keine Seltenheit. Einmal mussten Chris Evert und Martina Navratilova ihr Abendspiel unterbrechen, bis der Tumult auf den Rängen beendet wurde. Verglichen mit dem, was sich 1979 zwischen John McEnroe und Ilie Nastase abspielte, war das jedoch nichts. Die beiden Hitzköpfe hatten sich mit jedem denkbaren Trick bis aufs Blut gereizt. Als der Schiedsrichter Nastase wiederholt verwarnte, brach eine Massenschlägerei unter den Zuschauern aus, sie warfen Bierdosen aufs Feld, bepöbelten die Spieler und bedrohten den Schiedsrichter. Die Polizei musste einschreiten. „Es ist heute wesentlich zahmer geworden“, meint Chris Evert.

Wie radikal sich das Gesicht der US Open gewandelt hat, zeigt sich an John McEnroe. Der unflätige Heißsporn von einst thront nun täglich im schicken Anzug in der Kommentatorenbox und parliert über seine sportlichen Nachkommen. Viele Amerikaner haben ihn gehasst, nun hängen sie an seinen Lippen. Auch mit Jimmy Connors taten sie sich lange schwer, das änderte sich 1991, als er mit 39 Jahren noch einmal ins Halbfinale stürmte. „Wenn ich das Stadion betrat, war es, als würde sich das Rote Meer vor mir teilen“, erinnert sich Connors, „tausende Fans standen auf, und sofort bekam ich diese Energie. Es gibt absolut nichts Vergleichbares.“

Die nachfolgende Generation spürt sie auch, diese besondere Magie, die sich vor allem unter Flutlicht vor 23 000 Zuschauern entfaltet. „Es ist die elektrisierendste Atmosphäre überhaupt“, schwärmte Andy Roddick. 27-mal durfte er nachts spielen, so oft wie kein anderer Amerikaner. Nur der Regen verhinderte, dass er sich unterm Sternenhimmel von der Tennisbühne verabschieden konnte. Roddicks Niederlage im Achtelfinale dieses Jahr war sein letztes Spiel als Profi. Seit das neue Stadion 1997 erbaut wurde, hat sich der Charakter des Turniers verändert. Die 285 Millionen Dollar Baukosten mussten refinanziert werden, die Ticketpreise stiegen und die 90 Luxus-Logen sind für 250 000 Dollar pro Stück zu mieten. Immobilienmogul Donald Trump logiert dort wie ein Gutsherr, Hollywood-Schauspieler wie Alec Baldwin sind hier fast zu Hause. Es ist das neue New York, man kommt ohne Turnschuhe, dafür im feinen Zwirn oder im Designerdress auf Highheels und mit einem Mojito für zwölf Dollar in der Hand.

Doch egal, wie sie gekleidet sind, sie kommen, um dieses eine Match zu sehen. Um für den Außenseiter zu johlen und den lautstark zu verdammen, der nicht sein Allerletztes gibt. Wenn einer dieser großen Tennismomente geschieht, die man nie vergisst. „Wenn du sie lässt“, sagt Connors, „dann helfen dir diese 23 000 Leute, zu gewinnen. Ich habe leider zu lange gebraucht, um das zu kapieren.“

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