• Immer wieder Graf und Becker - Der Tennis-Standort Deutschland ist gar nicht so schlecht

Sport : Immer wieder Graf und Becker - Der Tennis-Standort Deutschland ist gar nicht so schlecht

Dietmar Wenck

Steffi Graf und Boris Becker haben zwar im vergangenen Sommer ihre Karrieren beendet. Aber bei Tennisveranstaltungen in Deutschland scheinen sie immer noch die entscheidende Rolle zu spielen. Sogar im Endspiel um die ATP-Weltmeisterschaft. Pete Sampras musste herzhaft lachen auf die Frage, ob er denn glaube, dass das Publikum in Hannover auf der Seite seines Finalgegners Andre Agassi stehen werde. Schließlich habe der gräflichen Beistand in seiner Loge. "Nein, also wirklich nicht", sagte er. Und spielte dann doch mit: "Okay, ich rede mit Boris, ob er sich in meine Loge setzt. Er ist nämlich der König hier."

Zumindest wird Becker nach wie vor hofiert, manchmal auch überhöht. Er und Graf hätten bei ihren Auftritten am Rande der WM mehr Aufsehen erregt als die eigentlichen Hauptdarsteller, war zu hören und zu lesen. Das ist ein wenig übertrieben, abgesehen davon, dass auch ein Franz Beckenbauer oder ein Max Schmeling immer noch viel Aufmerksamkeit bei öffentlichen Auftritten erfahren, ohne im Mittelpunkt des sportlichen Geschehens zu stehen. Und deren sportlicher Ruhm ist älter als jener von Becker und Graf.

Der Tennis-Standort Deutschland ist nicht gar so armselig, wie er oft dargestellt wird. Jedenfalls passte Hannover nicht in diese Schublade. Zum ATP-Finale kamen bis auf den ersten Tag jeweils 13 000 Zuschauer oder mehr. Die TV-Quoten sind im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen. Am Sonnabend erreichte das ZDF beim Halbfinale rund 23 Prozent Marktanteil bei gut drei Millionen eingeschalteten Fernsehern. Zum einen, weil sich erstmals seit drei Jahren mit Nicolas Kiefer ein deutscher Spieler qualifiziert hat. Zum anderen, weil im Gegensatz zu den vergangenen Jahren keiner der Stars lustlos spielte. Wahrscheinlich wird Turnier-Impresario Ion Tiriac Recht behalten, der sagte: "Viele Leute werden erst merken, was verloren ist, wenn das Turnier nächstes Jahr nicht mehr in Hannover stattfindet."

Das jedenfalls ist entschieden. Die WM zieht weiter nach Lissabon. Ebenso steht fest, dass der Grand Slam Cup, das sportlich nicht sehr bedeutende, aber am höchsten dotierte Turnier der Welt, nicht nur aus München, sondern ganz von der Bildfläche verschwindet. Als Tennisveranstaltungen von herausgehobener Bedeutung bleiben damit in Deutschland die German Open der Herren in Hamburg, die Stuttgart Classic, Stuttgart Weißenhof und das Turnier in Halle. Bei den Damen, um die es wirklich trübe aussieht, ragen allein die German Open in Berlin heraus. Und doch noch einmal Steffi Graf, deren Abschiedstournee von der Expo Hannover gesponsert wird.

Und dann wäre da noch der Davis Cup, die wichtigste Veranstaltung im Kampf um den Stellenwert des Tennis in Deutschland. Die Perspektive ist nicht schlecht. "Nicolas Kiefer und Thomas Haas sind Weltklassespieler geworden", sagt Teamchef Boris Becker. Sie sind 22 bzw. 21 Jahre jung und liegen in der Weltrangliste auf den Rängen sechs und elf. Nur die US-Amerikaner, die wieder mit Agassi und Sampras antreten werden, stehen zurzeit besser da. Becker glaubt: "Nicolas und Tommy können den Davis-Cup gewinnen." Nur zeigt der beste Deutsche momentan wenig Interesse. "Das Problem ist", sagt Becker, "Kiefer stellt keine Kriterien auf, was passieren muss, damit er spielt." In der ersten Runde ist Anfang Februar in Leipzig Holland der Gegner. "Den Belag dort haben wir auch für Kiefer mit ausgesucht. Aber zusagen muss er schon selbst." Deutschlands vermeintlicher Tennis-König wirbt und fühlt sich gegen einen jungen Mann in der schwächeren Position. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, das übernächste Spiel in Hannover zu veranstalten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar