Sport : Immer wieder losfahren

Bertram Job

Berlin. Ein paar Sekunden lang herrschte Stille in der Halle, dann begannen einige Augenzeugen zu applaudieren. Es war nicht der tosende Beifall, den Thomas Liese sich von diesem Samstagmorgen erhofft hatte. Aber es war eine Geste der Anerkennung. Schließlich hatte hier jemand gerade ernsthaft probiert, Ungeheures zu leisten. Nicht irgendeinen Rekord, sondern gleich den prestigeträchtigsten im Radsport überhaupt wollte der 33-jährige Profi aus Leipzig verbessern. Am Ende erging es ihm wie bisher allen, die vor ihm den Stundenweltrekord auf der Bahn in Angriff nahmen: Auch er scheiterte bei seinem ersten Versuch.

Fausto Coppi, Jaques Anquetil, Ole Ritter und Eddy Merckx - so viele der großen Radrennfahrer haben ihren Ruhm genährt, indem sie die Kilometer-Marke für sechzig Minuten ununterbrochenes Radfahren verbessern konnten. Am Samstag nun wollte sich der außerhalb der Szene kaum bekannte Kapitän des "Team Nürnberger", einer GS II-Mannschaft, still in diese Ahnengalerie einreihen. Nach den Ergebnissen der Leistungstests durfte Liese davon ausgehen, dass er das physiologische Potenzial dazu besitzt, die vom Briten Chris Boardman vor einem Jahr in Manchester aufgestellte Marke (49,441 Kilometer) zu verbessern. Dennoch wählte er am Ende einer kraftraubenden Saison lieber einen halboffiziellen Veranstaltungsrahmen - und das sehr schnelle, aber versteckt gelegene Velodrom in Prenz- lauer Berg als Ort der Handlung. Vielleicht 150 Zuschauer - darunter Teamkollegen, Journalisten und drei Offizielle vom Radsportweltverband UCI - sahen dem Aspiranten in andächtiger Stille zu.

198 Mal wollte Liese das 250 Meter lange Holzoval in durchschnittlich 18 Sekunden umrunden, um Boardmans geringfügige Verbesserung der 29 Jahre alten Marke von Eddy Merckx zu übertreffen. Dieses Mittel unterbot der Leipziger zu Beginn seines Versuchs sogar noch etwas, um im Folgenden dann aber merklich abzubauen. Runde um Runde verlor Liese eine halbe bis eine ganze Sekunde auf den angepeilten Schnitt, und nach 121 Durchgängen oder etwa 37:20 Minuten gab er das Unterfangen schließlich auf. Ein konstantes Tempo vorausgesetzt, wäre er nach einer Stunde bei etwa 48,5 Kilometer angekommen. Hatte der kraftstrotzende Athlet vielleicht doch "zu dick gekettet", wie es im Radsport-Jargon heißt, wenn die Übersetzung zu hoch war?

Thomas Lieses Auskünfte lassen nur diesen Schluss zu. Mit einer Übersetzung von 56 mal 14 hatte sich das Ausdauerphänomen einen großen Tritt ausgesucht, "weil ich meine Herzfrequenz nicht zu sehr belasten wollte". Stattdessen wurden dem ersten deutschen Rekordaspiranten nach Olympiasieger Gregor Braun die Beine schwer. Als er dann einen Kilometer hinter Boardmans Marke lag, sah er "keine Möglichkeit mehr, das noch mal rumzureißen". Depressive Stimmmung aber mochte im Velodrom nicht aufkommen. Der Sponsor hatte mit der halboffiziellen Veranstaltung so viel journalistische Aufmerksamkeit wie sonst nur sehr selten für sich und sein Team bekommen - bei Gesamtkosten von gerade 10 000 Mark. Und auch Thomas Liese gab sich allenfalls leicht enttäuscht, "weil es am Anfang so gut aussah".

Der couragierte Versuch des Sechsten der deutschen Rangliste, bereits 1989 Weltmeister mit dem DDR-Vierer, sah bis zum Abbruch vielversprechend genug aus. Daher ist eine Wiederholung des Experiments im nächsten Jahr wahrscheinlich. Schließlich sagte auch Lieses Mutter beinahe vorwurfsvoll: "Wie ich dich kenne, versuchst du es sowieso noch mal."

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