Sport : In aller Bescheidenheit

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Jörg Wenig über die Aussichten der deutschen Leichtathleten für Athen 2004

Am Tag eins nach den Weltmeisterschaften von Paris ist eine Eigenschaft gefragt, die in der deutschen Leichtathletik zuletzt vernachlässigt worden war: Realismus. Die Aussichten für die Olympischen Spiele im nächsten Jahr sind bescheiden. Für Optimismus vor Athen gibt es keinen Grund.

Bei der WM gewann das deutsche Team so wenige Medaillen wie nie zuvor. Zwar fehlten eine Reihe von verletzten Athleten, etwa die Olympiasieger Heike Drechsler und Nils Schumann. Doch in Paris wurde offensichtlich, dass die große Zeit vieler deutscher Stars abgelaufen ist: Diskuswerfer Lars Riedel ist 36 und verpasste eine Medaille, seine 35jährige Kollegin Franka Dietzsch kam ebenso nicht ins Finale wie Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss (33), Dieter Baumann ist mit 38 weit weg von den weltbesten Läufern, Weitspringerin Heike Drechsler wird im Dezember 39. Für sie alle könnte Athen ein toller persönlicher Abschluss werden. Der deutschen Leichtathletik aber werden sie nicht mehr viel helfen können. In Athen wird es kaum mehr deutsche Medaillen geben als in Paris.

Die internationale Konkurrenz wird härter, weil immer mehr Athleten aus kleinen Ländern an die Spitze drängen. Zu ihnen ist der Leistungsrückstand vieler deutscher Athleten bereits groß. Bis Athen lässt sich das nicht mehr aufholen; leider trifft das besonders auf die attraktiven Lauf- und Sprintdisziplinen zu. Für viele internationale Topathleten hat die Vorbereitung auf Olympia längst begonnen. Für die Amerikaner war die WM nur Zwischenstation – sie werden im nächsten Jahr noch stärker sein. Das gilt auch für die gastgebenden Griechen. Insofern ist es nur ein kleiner Trost, dass mit der Stabhochspringerin Annika Becker und dem Geher Andreas Erm immerhin zwei junge Athleten Medaillen gewonnen haben.

Eigentlich gibt es genügend deutsche Talente. Doch man muss sie für den Hochleistungssport motivieren und ihnen Perspektiven bieten. Ein Weg zum Erfolg führt über starke, auch internationale Trainingsgruppen. Deutsche Athleten müssen auch die Konkurrenz bei großen Sportfesten suchen – und diese nicht, wie bisher, meiden.

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