Sport : In aller Bescheidenheit

Trotz zweier Auswärtssiege in Folge hält Dortmunds Trainer Matthias Sammer seine Mannschaft zur Zurückhaltung an

Daniel Pontzen

München. Matthias Sammer sah den Zeitpunkt gekommen, um das Geheimnis zu lüften. „Ich werde euch jetzt erzählen, was Rudi Völler mir nach der Niederlage gegen Schalke gesagt hat“, sagte Matthias Sammer mit verschwörerischem Blick, und die Reporterschar drängelte sich noch enger an Dortmunds Trainer. Jeder wollte zum Kreis der Eingeweihten gehören. Nach dem missratenen Rückrundenauftakt beim 0:1 gegen den Erzrivalen vor zwei Wochen habe der Teamchef der Nationalmannschaft Sammer prophezeit, „dass ihr jetzt die beiden Auswärtsspiele gewinnt, aber nicht das folgende Heimspiel gegen Köln“.

Sammer war offenbar tief beeindruckt von dieser bisher unerkannten seherischen Gabe Völlers, und wollte dessen Sätze als Warnung verstanden wissen. Nach Siegen in Wolfsburg (4:2) und am Sonntagabend bei 1860 München (2:0) werden beim zuvor notorisch auswärtsschwachen BVB die Konturen eines Aufschwungs sichtbar, doch der Trainer gibt sich in der Diagnose von Trendwenden reservierter als die Konkurrenz. „Zum jetzigen Zeitpunkt tut uns eine gewisse Bescheidenheit gut. Wichtig war der Sieg in erster Linie für die Moral: um zu zeigen, dass Wolfsburg keine Eintagsfliege war“, sagte Sammer.

Der Trainer pflegte pragmatische Zurückhaltung: „Es ist nicht meine Aufgabe, jetzt über neue Ziele zu reden.“ Ähnlich nüchtern wie Sammers Reaktion ausfiel, hatte seine Mannschaft zuvor gespielt. Bestenfalls schnörkellos ließ sich das nennen, was Dortmund über weite Strecken in München gezeigt hatte. Die Zweckmäßigkeit wurde zum Prinzip erhoben, meist segelte ein langer Ball in Richtung Koller, hin und wieder war Ewerthon der Adressat. Zwei solcher Pässe reichten dem Brasilianer, um das Spiel zu entscheiden, weil er seinen Gegenspielern jeweils davonlief wie der Klassenschnellste solchen Mitschülern, die eher in Mathe oder Sachkunde ihre Stärken haben.

Sonst beaufsichtigte der BVB seine Führung, ohne sich in aufwändig kreativen Versuchen zu verlieren. „Sicher war das von der Attraktivität her nicht das, was wir uns gewünscht haben“, sagte Sammer, „aber wenn man bedenkt, wie lange wir nicht mehr zu null gespielt haben, ist das in Ordnung.“ Für kurzfristigen Erfolg zur Beruhigung der Lage sind auch weniger anspruchsvolle Mittel verzeihlich, zumal wenn man Gegner wie 1860 so mühelos im Griff hat. „Die Mannschaft hat wieder mehr Qualität“, sagte Nationalspieler Christian Wörns, „ein oder zwei junge Spieler kann man einbauen, aber nicht vier oder fünf. Das ist der Unterschied zur Vorrunde.“

Die erfahreneren Spieler wissen, dass noch kein Anlass zu Euphorie besteht. „Schön“, sagte Stefan Reuter mit ironischem Unterton zur Ankündigung des Torschützen Ewerthon, nun wieder einen Champions-League-Platz anzupeilen. Stefan Reuter sagt: „Wir müssen jetzt nur auf das nächste Spiel gegen Köln schauen.“ Oder, falls Rudi Völlers Prophezeiung eintreten sollte, auf das übernächste.

0 Kommentare

Neuester Kommentar