Sport : In aller Stille

Braunschweig überrascht mit Platz eins, heute kommt Alba

Ute Berndt

Braunschweig. Das Geschehen auf dem Feld bringt ihn fast nie aus der Ruhe. Ken Scalabroni wirkt unbeteiligt, sitzt nahezu aufrecht auf seiner Trainerbank. Wenn die Kollegen an der Linie gestikulieren und schreien, zeugen bei ihm nur die wachen Augen davon, dass ihm nichts entgeht. Selbst Auszeiten scheinen den Amerikaner zu stören, und so muss schon richtig viel schief gehen, damit er das Spiel unterbricht, um seine Spieler neu zu instruieren. In dieser Saison ist noch nicht viel schief gegangen. TXU Braunschweig, die Mannschaft des ruhigsten Coaches der Liga und im Vorjahr Abstiegskandidat, ist nach sechs Spieltagen ungeschlagener Tabellenführer der Basketball-Bundesliga (BBL). Heute spielt das Team gegen den Deutschen Meisters Alba Berlin (14.55 Uhr, live im DSF).

Scalabroni baut am liebsten darauf, dass seine Basketballer auf dem Feld selbstständig ihre Freiheiten nutzen. Die eigene Arbeit erledigt der Trainer vor den Spielen. So ist das Geheimnis des Braunschweiger Erfolgs schnell verraten. Manager Thomas Stille hat es in den vergangen zwei Wochen wieder erfahren, als es galt, den Nachfolger für Demond Mallet zu verpflichten. Der Publikumsliebling fällt nach einem Kreuzbandriss für den Rest der Saison aus. „Es ist schwer, Ken zu überzeugen, Spieler zu holen, die einen großen Namen haben“, sagt der Manager. „Er recherchiert immer erst genau, ob sie auch menschlich zu uns passen.“ Ein Star dürfe es ruhig sein, aber keiner mit Starallüren. So wie Gordan Firic, der bosnische Nationalspieler, der schon bei namhaften europäischen Klubs engagiert war und nach Mallets Ausfall wie selbstverständlich die Regie übernahm. Oder wie Walter Palmer, den Scalabroni noch aus Bamberger Zeiten kannte.

Im Vergleich zu Alba hat der Überraschungsspitzenreiter vor allem einen Nachteil. Die Mannschaft ist nicht sonderlich tief besetzt, weil das Geld knapp ist. Der zum sechsten Spieltag verpflichtete Palmer ist erst der achte Profi. Noch immer leidet der Klub unter der Pleite des früheren Sponsors Metabox. Nach wie vor sind Altlasten zu tilgen, und zu Saisonbeginn drohte ein Eklat, weil der Klub den Rest der Hallenmiete aus der Vorsaison zahlen sollte, aber nicht konnte. Dennoch ist in dieser Saison auch finanziell einiges besser. Selbst die Nachrichten von Finanzproblemen des neuen Sponsors TXU können Stille nicht mehr schockieren. Das texanische Energieunternehmen ist bei der Braunschweiger Versorgungs AG eingestiegen, einem gewinnträchtigen Unternehmen. „Wenn bei TXU alle Stricke reißen, wird jemand anders den leckeren Happen Versorgungs AG übernehmen“, sagt Stille. Dass der dann auch die Basketballer sponsern muss, sei vertraglich festgelegt.

Das neue Selbstbewusstsein der Vereinsführung rührt auch aus der großen Sympathie in der Stadt. Für den Aufschwung, aber auch für die Identifikation mit dem Team war es wichtig, dass es erstmals Kontinuität im Kader gibt: Fünf Profis waren schon im Vorjahr für Stadtsport Braunschweig aktiv. Seit Mallets Verletzung Mitte Oktober sammelten Sponsoren, Privatleute und Fans mehr als 80 000 Euro, um Dan Earl zu verpflichten. „Diese Solidarität, mit der hier von allen Seiten am Basketball gearbeitet wird, ist sensationell“, sagt Thomas Stille.

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