Sport : In aller Unentschlossenheit

Hertha BSC bringt sich in dieser Saison mit vermeidbaren Niederlagen immer wieder selbst in Schwierigkeiten

Stefan Hermanns

Berlin. Es gehört zu den oft gepriesenen Vorzügen des Fußballspiels, dass dessen Ausgang in der Regel nicht vorauszusagen, somit ergebnisoffen ist. In der Retrospektive hingegen lässt sich wenigstens gelegentlich ergründen, warum ein Spiel diesen und keinen anderen Ausgang genommen hat. Es sind die scheinbar kleinen Momente, die letztlich eine große Wirkung haben. Am Samstag, im Daimler-Stadion, hat es um kurz vor vier einen solchen Moment gegeben. Bart Goor hatte von der Mittellinie aus einen wunderbaren Pass auf Michael Hartmann gespielt. Hartmann lief auf das Tor des VfB Stuttgart zu, und der Verteidiger von Hertha BSC besaß gleich mehrere Möglichkeiten, den Moment zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen: Hartmann hätte den Ball mit Wucht aufs Tor schießen können. Er hätte den Ball auch über VfB-Torhüter Hildebrand hinweglupfen können. Hartmann aber entschied sich für die einzige Nicht-Möglichkeit: den Ball in die Mitte zu passen, wo die Verteidiger des VfB ihn dankbar in Empfang nahmen. Fünf Minuten später stand es 1:0 für den VfB, am Ende 3:1.

„Wenn wir das 1:0 machen, haben wir das leichtere Spiel“, sagte Bart Goor hinterher. Für Hertha ist das typisch: Die Berliner machen sich das Leben immer wieder selbst schwer. Das Zaudern und Zagen des Michael Hartmann vor dem Tor des Gegners hatte fast etwas Symbolisches. „Uns hat die Entschlossenheit gefehlt“, sagte Manager Dieter Hoeneß.

Die Klage ist nicht neu, sie ist bei Hertha quasi die einzige Konstante in einer wankelmütigen Saison – von der fortwährenden Hilf- und Harmlosigkeit des brasilianischen Stürmers Luizao einmal abgesehen. Wann immer die Mannschaft sich auf dem richtigen Weg wähnt, wählt sie im entscheidenden Moment mit Sicherheit die falsche Abzweigung. Am Ende des vergangenen Jahres war das besonders augenscheinlich. Donnerstags hatte sich die Mannschaft mit aller Entschlossenheit gegen den FC Fulham ins Uefa-Cup-Achtelfinale gekämpft, drei Tage später unterlag sie dem 1. FC Kaiserslautern, dem Tabellenletzten der Bundesliga, mit 1:2. Zum Auftakt der Rückrunde nun folgte dem glücklichen, aber wichtigen Sieg über Meister Dortmund die Niederlage gegen Uefa- Cup-Konkurrent Stuttgart.

Herthas Führungskräfte wehren sich dagegen, nach jeder Niederlage alles grundsätzlich in Frage zu stellen. Das ist verständlich, denn irgendwann ist es einfach ermüdend, immer das Gleiche zu beklagen. „Es ist kein Rückschlag“, sagte Trainer Huub Stevens, und auch Manager Hoeneß sprach nur davon, dass die Mannschaft „nach einem Schritt stehen geblieben“ sei. Die Zahlen aber widersprechen dieser Einschätzung. Zu Beginn der Rückrunde lag Hertha vier Punkte hinter einem Uefa-Cup-Platz, jetzt, nur zwei Spiele später, sind es bereits sechs.

„Nächsten Samstag haben wir die nächste Gelegenheit“, sagt Hoeneß. Das hört sich ein bisschen so an wie: Gewinnen wir heute nicht, gewinnen wir eben morgen. Aber so einfach ist es nicht, es gibt keine „15 Gelegenheiten“ mehr, von denen Hoeneß spricht. Nächsten Samstag heißt der Gegner Schalke 04. „Das Spiel müssen wir unbedingt gewinnen“, sagt Verteidiger Marko Rehmer.

So war es auch vor einer Woche gegen Dortmund, und Trainer Stevens hat die spielerischen Defizite seiner Mannschaft in dieser Begegnung unter anderem mit dem Druck des Gewinnenmüssens erklärt. Mit jeder Niederlage bringt sich Hertha von neuem in eine solche Situation, weil die Mannschaft keine Rücklagen gebildet hat und von der Hand in den Mund lebt. Die längste Erfolgsserie in dieser Saison währte drei Spiele mit Siegen gegen Nürnberg und Cottbus und einem Unentschieden gegen Leverkusen. Mehr als zwei Siege in Folge hat Hertha noch nicht geschafft.

„Angst dürfen wir jetzt nicht haben“, sagt Arne Friedrich. Aber ein bisschen Sorge ist angebracht, dass Hertha den Uefa-Cup-Platz nicht aus den Augen verliert. Dieter Hoeneß ist weiterhin überzeugt, dass die Mannschaft dieses Ziel erreicht. Allerdings musste auch der Manager nach der Niederlage in Stuttgart zugeben: „Es ist nicht leichter geworden.“ Aber das kennt Hertha ja schon.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben