Sport : In Athen wächst die Angst vor einer Pleite

Gerd Höhler

Als Athen vor fast zwei Jahren den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2004 bekam, herrschte in Griechenland allgemeine Euphorie. Mit Feuerwerk und Autokorsos feierten die Athener ihren Sieg über den Mitbewerber Rom. Von einer "historischen Chance" schwärmte die Wirtschaftszeitung "Imerissia". Eine "schwere Prüfung" sah dagegen die Linkspostille "Avgi" auf die Hellenen zukommen. Das scheint sich nun zu bewahrheiten. Verzögerungen bei vielen Bauprojekten, Fragezeichen hinter der Finanzplanung und organisatorisches Durcheinander bremsen die Olympia-Pläne. Vor einer "Zeitbombe" warnt die Athener Zeitung "Ta Nea", und die Sport-Gazette "To Fos" ahnt: "Wir werden uns gründlich blamieren."

Dass bei der Vorbereitung der Spiele vieles nicht nach Plan läuft, räumte der Vorstandsvorsitzende des Organisationskomitees, Kostas Bakouris, schon vor Monaten ein: "Wir sind nervös, jawohl, das sind wir", gestand er im März.

Ungewiss ist vor allem, ob die Olympia-Finanzen stimmen werden. Auf 200 Millionen Dollar bezifferten die Planer allein die Einnahmen aus dem Ticketverkauf. Dazu müssten insgesamt etwa sechs Millionen Eintrittskarten verkauft werden - eine optimistische Annahme. In Atlanta rechnete man ursprünglich mit 11,5 Millionen Besuchern, aber es kamen schließlich nur acht Millionen. Nach dieser Erfahrung ist fraglich, ob die für Athen veranschlagten Zahlen erreicht werden. Bei der Das zeigte sich schon bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1997, die in einem meist nur spärlich besetzten Athener Olympiastadion stattfanden. Um sein Besucher-Soll zu erreichen, müsste Organisations-Chef Bakouris im Tagesdurchschnitt 400 000 Eintrittskarten verkaufen. Er selbst hält das für "schwierig".

Nicht weniger Kopfschmerzen müssen den Athenern die anderen Posten auf der Einnahmenseite ihres Budgets bereiten. 235 Millionen Dollar sollte die Olympia-Lotterie einbringen. 15 Millionen hofften die Organisatoren bereits im vergangenen Jahr aus dem Glücksspiel einzunehmen, weitere 25 Millionen in diesem Jahr. Aber die Lotterie ist noch gar nicht gestartet. Der Grund: organisatorische Schwierigkeiten und politisches Gerangel bei der Vergabe des Projekts.

Die Einnahmeausfälle wären zu verschmerzen, wenn wenigstens andere Quellen sprudeln würden. Aber davon kann keine Rede sein. 311 Millionen Dollar sollen die Sponsoren zur Finanzierung beisteuern, wobei allein griechischen Förderern ein Anteil von 200 Millionen zugedacht ist. Doch erst ein kleiner Teil dieser Gelder ist zugesagt.

73 Prozent der benötigten Sportstätten waren bereits bei der Bewerbung vor zwei Jahren vorhanden. Nicht zuletzt das sicherte Athen in der Endausscheidung den Sieg über den Konkurrenten Rom. Aber mit der Realisierung der verbleibenden Projekte sind die Griechen arg in Rückstand geraten. Größtes Vorhaben ist das Olympische Dorf. Es soll an den Ausläufern des Berges Parnitha nordwestliche Athens entstehen. Der Bau hätte laut Bewerbung bereits 1998 in Angriff genommen werden sollen. Jetzt heißt es, der erste Spatenstich werde im Jahr 2001 getan. Die Baukosten wurden ursprünglich auf knapp 330 Millionen Dollar veranschlagt. Auf 9,8 Millionen Dollar bezifferten die Olympia-Planer die Kosten für die Entschädigung privater Grundstückseigner. Inzwischen geht man vom Dreifachen dieses Betrages aus.

Fragezeichen schweben auch über einem anderen Olympia-Projekt, der Regattastrecke, die an der Küste von Schinias nordöstlich der Hauptstadt entstehen soll. Umweltschützer blockieren das Vorhaben, weil sie die Zerstörung eines Feuchtgebietes fürchten. Der Fall liegt jetzt beim Staatsrat, Griechenlands oberstem Verwaltungsgericht. Entscheiden die Richter gegen das Projekt, kommen die Planer in Schwierigkeiten: einen Alternativ-Standort gibt es nicht.

Dass die meisten noch ausstehenden Olympia-Bauvorhaben inzwischen um viele Monate im Rückstand sind, liegt aber nicht nur an rechtlichen Verwicklungen und Verwaltungschaos. Hinter den Kulissen, so berichten Insider, gebe es ein erbittertes Gerangel um die Projekte. Obwohl Ministerpräsident Kostas Simitis "absolute Transparenz" bei der Vergabe angekündigt hatte, versuchen offenbar große Bauunternehmer, auf der politischen Schiene Aufträge an Land zu ziehen.

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