Sport : In Aufbruchstimmung Richtung Abgrund

Die Hannover Scorpions wollten alles besser machen als in den vergangenen Jahren – und spielen nun gegen den Abstieg aus der Deutschen Eishockey-Liga

Claus Vetter

Berlin - Es sollte alles besser werden bei den Hannover Scorpions. Nach jahrelanger Tristesse herrschte bei dem Klub aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) vor dieser Saison Aufbruchstimmung. Nun gehört der Verein, zuvor vom Landtagsabgeordneten Jochen Haselbacher lange hemdsärmelig geführt, Günter Papenburg, dem Betreiber der Tui-Arena. Eine neue Mannschaft mit guten Namen sollte in der Halle auf dem Messegelände einen Eishockeyboom wie in Hamburg auslösen, wo die Freezers fast immer vor 13 000 Zuschauern spielen. Doch so kam es nicht in Hannover, der Zuschauerschnitt pro Spiel liegt inzwischen unter 5000. Denn die Leistung der Scorpions unterbot alle Erwartungen: Nach 36 von 52 Spielen der Hauptrunde und nur zehn Siegen sind die Scorpions Tabellenletzter und stehen vor dem Abstieg.

An sich wäre dies nur ein Hannoveraner Problem. Ist es aber nicht. Schließlich spielen die Scorpions in einer der modernsten und größten Hallen der Liga mit 11 000 Plätzen und sind damit Teil einer Entwicklung, die der DEL in den jüngsten Jahren zu einem Zuschauerboom verholfen haben. Natürlich würde DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke daher einen Abstieg der Scorpions nicht begrüßen. „Das wäre bedauerlich“, sagt er. Und fügt hinzu, dass er auch „keinem anderen Klub den Abstieg gönnt“. Natürlich nicht. Aber gönnt die Liga auch jedem Klub den Aufstieg? In Liga zwei sind derzeit die Straubing Tigers Tabellenführer. Straubing statt Hannover? Nicht gut für eine Liga, die nach und nach Kleinstädte wie Schwenningen und damit zugige alte Eishallen losgeworden ist und die nur noch in Großstädten stattfindet.

Selbst die Konkurrenz hat Mitleid mit Hannover. „Die Scorpions müssen mit ihrer schönen Arena in der DEL bleiben“, sagt etwa der Trainer der Berliner Eisbären, Pierre Pagé, der heute mit seinem Team bei den Scorpions antritt. Doch was kann die DEL machen, damit Hannover in der DEL bleibt? An sich nichts, sagt Tripcke. „Die Gesellschafter wollten, dass es den Abstieg gibt. Also müssen wir damit leben.“ In ihrer Anfangszeit nach der Gründung im Jahr 1994 gab es in der Liga Auf- und Abstieg nur aus wirtschaftlichen Gründen. Ganz nach nordamerikanischem Modell, wo in Profiligen nur mitspielen darf, wer auch die infrastrukturellen Voraussetzung mitbringt. Doch Ende der Neunzigerjahre änderte die DEL ihr Konzept, auf Drängen der Öffentlichkeit und des Deutschen Eishockey-Bundes, dem die Zweite Liga untersteht. Die Gesellschafter der DEL, die einzelnen Klubs, unterschrieben einen Vertrag, in dem sie akzeptierten, ihre Anteile an der Gesellschaft DEL im Falle des Abstiegs dem Aufsteiger zu überlassen – gegen Erstattung der Haftungseinlage.

Die Abstiegsrunde war aber jahrelang eine Farce, weil am Saisonende ohnehin mindestens ein Klub die DEL aus wirtschaftlichen Gründen verließ. Der erste sportliche Absteiger waren im Vorjahr die Wölfe Freiburg. Das hat keinem in der DEL wehgetan. Nun sieht es aber so aus, als sollte es in diesem Jahr einen Abstieg geben, der die Liga schmerzt – ein Absteiger aus wirtschaftlichen Gründen ist nicht in Sicht. Und Tripcke sagt: „Noch hat kein Verein aus der Zweiten Liga signalisiert, dass er im Falle eines Aufstieges aus wirtschaftlichen Gründen auf die DEL verzichten würde.“

Die Kassel Huskies sind neben den Scorpions als Tabellenvorletzter der zweite Kandidat für die Play-downs, in denen der Absteiger ausgespielt wird. Ein anderer, für die DEL wichtiger Standort. Kein Wunder, dass es bei einigen DEL-Gesellschaftern daher auch neue Gedankenspiele gibt. Nichts spräche dagegen, die Liga auf 15 Klubs aufzustocken und keinen Klub absteigen zu lassen. Laut darüber sprechen will keiner, auch nicht die Scorpions. Klubeigner Papenburg hat erst in dieser Woche verkündet: „Wir werden auf jeden Fall in der Zweiten Liga in der Tui-Arena weiterspielen.“ Ein Abstieg aber könnte teuer werden. Die Zweite Liga ist längst nicht so attraktiv, es gibt keinen lukrativen Fernsehvertrag, und viele Spieler haben gut dotierte Verträge über die Saison hinaus.

Nun ist Papenburg zwar enttäuscht, aber auch um eine Erkenntnis reicher. „So ist das im Sport. Man kann sich nicht immer Erfolg einkaufen.“ Wenn es dann am Ende der Saison tatsächlich einen sportlichen Absteiger aus der DEL geben sollte, der Hannover Scorpions heißt, dann hat Papenburg Recht.

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