Sport : In der Antike gescheitert

Kumbernuss verpasst das Finale im Kugelstoßen

Frank Bachner[Athen]

Es sah gestern gar nicht mehr so schlimm aus wie noch in Braunschweig. Die Bewegungen waren flüssiger, ein wenig eleganter. In Braunschweig noch, bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften, bewegte sich Astrid Kumbernuss eckig und unrhythmisch im Ring. Gestern sah das besser aus, obwohl die Plantersehne im rechten Fuß immer noch schmerzt. Deshalb muss sie seit Mai mit dieser „Nottechnik“, wie sie es nennt, stoßen. In Braunschweig wuchtete Kumbernuss die Kugel noch 19,08 m weit, gestern fiel die Kugel nach 17,89 m in den Sand.

Und Astrid Kumbernuss schossen die Tränen in die Augen. Gescheitert. Ausgeschieden in der Qualifikation des Kugelstoßens. Platz 16. Sie, eine der erfolgreichsten Kugelstoßerinnen aller Zeiten, hatte den Endkampf verpasst. Ausgerechnet in Olympia, der Geburtsstätte der antiken Olympischen Spiele. Astrid Kumbernuss hatte sich gefreut wie ein Kind auf diesen Wettkampf. Sie fühlte sich als Teil eines historischen Schauspiels. Die Kugelstoßer, Männer und Frauen, durften extra nach Olympia, ins antike Stadion, wo ab 776 vor Christus nur Männer um den Olympiasieg kämpften.

„Es ist ein Traum, dort zu stoßen“, hatte sie vor dem Wettkampf gesagt. Astrid Kumbernuss hat 13 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften gewonnen, aber so etwas hatte sie noch nie. Schon den Einmarsch der Athleten unter dem alten, millionenfach fotografierten Torbogen empfand sie als fantastisch. Dann die Atmosphäre, dieses Stadion beim Pinienwald, dieser staubige Untergrund, die antiken Steinblöcke und Figuren. „Faszinierend und bezaubernd“, sagte sie.

Aber die Faszination hatte für Kumbernuss sehr schnell ein Ende. Kein Stoß klappte. „Sie war blockiert, sie wirkte wie gelähmt“, sagte Dieter Kollark, der Trainer. „Sie ist an ihrer Verletzung gescheitert und an dem Druck, unter den sie sich gesetzt hat.“ 18,17 m hätten der Olympiasiegerin von 1996 zum Weiterkommen gereicht. „Ich hatte kein Selbstvertrauen“, sagte die dreimalige Weltmeisterin. Sie kämpft seit einiger Zeit mit dem fehlenden Selbstvertrauen. Aber das hat nur bedingt mit ihrer Verletzung zu tun. Das hat auch damit zu tun, dass sie jetzt 34 ist und nicht mehr an die großen Weiten von früher kommt. Sie kann das nur schwer akzeptieren.

„Ich wusste, dass ich in Olympia höchstens 19 Meter stoßen kann und damit keine Chancen auf Bronze habe“, sagte sie. Aber 19 Meter, wenn es wenigstens so weit gewesen wäre. „Es ist bitter, an diesem tollen Ort zu scheitern.“

War das jetzt die Abschiedsvorstellung der Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss? Gut möglich. Sie ist Mutter, sie ist 34 Jahre alt, sie hat Probleme, ihre Verletzung auszukurieren, sie läuft ihrer eigenen Größe hinterher. „Vielleicht müssen wir auf einem niedrigeren Level weitermachen“, sagte Kollark. Aber Astrid Kumbernuss dachte nicht an die Zukunft. Sie hatte mit der Gegenwart genug zu tun: „Vielleichthätte ich erst gar nicht her kommen sollen.“

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