Sport : In der Baracke brennt noch Licht

Borussia Pankow spielt manchmal schon zu neunt. Wie ein Verein gegen den Spielerschwund kämpft

Dagny Lüdemann

Berlin - Das Metalltor zum Sportplatz ist geöffnet, eine halbe Stunde bevor das Training beginnt. Vereinzelt betreten Männer in Trainingsanzügen und mit Sporttaschen die Anlage – und verschwinden in der Dunkelheit. Ein Spielfeld ist nicht zu erkennen – bis die blinkenden Lichter einer Passagiermaschine beim Landeanflug auf den Flughafen Tegel den Platz kurz stroboskopartig aufflackern lassen. Dann ist wieder alles schwarz.

Mittwochabend. Das Fußballtraining beginnt am Walter-Husemann-Sportplatz in Berlin-Pankow. Der Bolzplatz heißt nach einem kommunistischen Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten – hier trainierte bis zur Wende der BSG Traktor Blankenfelde. Seit dem Zusammenschluss mit der WSG Panke im Jahr 1992 nennt sich der Fußballverein Borussia Pankow e.V. 1960.

Glaubt man dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes Theo Zwanziger, dann ist das Mannschaftssterben in der ganzen Republik ein Problem. Zwanziger hat vorgeschlagen, dass Mannschaften der Kreisligen A und darunter in Zukunft nur noch neun gegen neun spielen sollten, um sich nicht wegen Spielermangels auflösen zu müssen. Mit dem Schwund kämpft auch Borussia Pankow.

Am Ende einer Barackenzeile brennt schwaches Neonlicht. Drinnen hängt eine Vitrine, in der drei Pokale stehen. Jemand hat die Rückwand einmal mit grünem Filz bezogen, damit man sie als Pinnwand nutzen kann. Eine Medaille hängt daran und ein mit Stecknadeln befestigtes Papierschild, auf dem der Vereinsname steht. „Hier ist es gemütlich“, findet Frank Zörner, der schon vor 33 Jahren in den DDR-Verein Traktor Blankenfelde eintrat. „Wir treffen uns gerne hier, trinken etwas in unserem Gemeinschaftsraum und gucken Premiere oder Arena.“ Dafür gibt es zwei Leinwände.

Die Spieler von Borussia Pankow ziehen sich lieber in ihrer Baracke um als in der Sportanlage Buchhorster Straße, zu der man 15 Minuten mit dem Auto fährt. Hinfahren müssen sie an diesem Abend trotzdem. „Wir haben kein Flutlicht und können deshalb abends und jetzt im Winter nicht auf dem eigenen Platz spielen“, sagt Zörner. Vier Ausweichmöglichkeiten hat er für seine Spieler gefunden, „aber oft müssen wir uns die Plätze mit anderen Mannschaften teilen“.

Dass heute, beim zweiten Training nach der Winterpause, mehr als 20 Spieler gekommen sind, überrascht auch Zörner, der schon 25 Jahre Erfahrung als Coach hat. „Viele waren ewig nicht mehr hier. Jetzt sind sie neugierig auf unsere Neuzugänge.“ Zörner meint die Spieler der 3. und 4. Herren von Empor Berlin, die gemeinsam mit ihrem Trainer Rian Wiesjahn zu Borussia Pankow gewechselt sind. „Dadurch sind unsere Probleme erst mal gelöst“, sagt Zörner, dessen Bruder Wiesjahn kennt und ihn nach Pankow lockte. Wiesjahn suchte nach dem Berliner Meistertitel 2006 mit den unteren Herren in der Kreisklasse A eine neue Herausforderung. Dann hörte er, dass er den Borussen helfen könnte, indem er ihre Herrenabteilung aufstockt. Bei Empor Berlin hat das kein Loch gerissen. „Dort hatten wir vier Herrenmannschaften“, sagt Wiesjahn.

Bei Borussia Pankow kamen vor der Winterpause nicht mehr als 15 Mann zum Training – zu wenig, um zwei Teams zu bilden. „Dann standen wir da, haben rumtelefoniert, ob noch einer kommt – und am Ende habe ich meist selbst mitgespielt“, erzählt Zörner, der mit seiner Adidas-Jacke unter dem Anorak wie ein Profitrainer wirkt. Was im Training anfing, setze sich auch bei Turnieren fort. „Manchmal sind wir mit zehn Mann zu Spielen gefahren, weil die anderen verletzt waren oder keine Zeit hatten“, sagt Zörner. „Einmal haben wir gewonnen, obwohl wir in Unterzahl angetreten waren und noch ein Spieler vom Platz gestellt wurde“, erzählt der Trainer. Es geht also zu neunt? Der Trainer schüttelt den Kopf. Zwanzigers Vorschlag hält er für Blödsinn: „Wer keine elf Mann findet, der findet auch keine neun.“

Die Probleme liegen aus Pankower Sicht woanders. „Von unseren Jungs haben höchstens 25 Prozent keine Arbeit – und das ist wenig für diese Gegend“, sagt Zörner. Dafür müssten die Leute immer länger arbeiten. „Als ich zu DDR-Zeiten Trainer war, wurde ich für den Fußball freigestellt“, erzählt Zörner. „Da habe ich 50 Prozent der Zeit auf dem Platz verbracht.“ Auch er hat heute weniger Zeit, arbeitet als selbstständiger Tischler.

Der Trainer macht eine Pause. „Außerdem haben die jungen Leute heute so viel anderes im Kopf“, sagt Zörner dann. Mädels und Diskotheken etwa. „Da ist es schwierig, sie am Ball zu behalten.“ Trotz des Mangels an Spielern bei den Herren ab 18 gibt es in Berlin noch vergleichsweise viele Fußballamateure. „Aber wenn man sich die Plätze teilen, ständig woanders trainieren und weit zum Training fahren muss, verlieren die Leute den Spaß“, sagt Trainer Zörner. Auch der Walter-Husemann-Platz in Pankow könnte ausgebaut und mit Flutlicht versehen werden. Doch Teile des Grundstücks gehören einer Erbengemeinschaft. Die Zukunft der Sportanlage ist ungewiss.

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