Sport : In der besetzten Zone

Torjäger Thomas Müller trifft nicht mehr, auch deshalb stolpern die Bayern.

Frank Heike[Hamburg]
Volle Kraft fürs Luftloch. Thomas Müller reagiert seinen Frust ab, weil er derzeit nicht wie gewohnt zur Geltung kommt. Der Bayern-Torjäger hat seit längerer Zeit nicht mehr getroffen und auch beim 1:1 gegen den Hamburger SV nicht völlig überzeugt. Foto: dapd
Volle Kraft fürs Luftloch. Thomas Müller reagiert seinen Frust ab, weil er derzeit nicht wie gewohnt zur Geltung kommt. Der...Foto: dapd

Möglicherweise hatte die Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung seinen Blick auf die Realitäten etwas verstellt. Kein anderer Bayern-Profi urteilte nach dem 1:1 der Münchner im Fußball-Bundesligaduell mit dem Hamburger SV so scharf wie Thomas Müller. „Das Unentschieden ärgert mich immens. So fährt der Meisterschaftszug ohne uns ab. Bevor ich noch mehr sage, gehe ich lieber in die Kabine", sagte Müller in die Fernsehkameras und ließ dann zwei Dutzend Journalisten im Keller der Hamburger Arena stehen.

Ganz so dramatisch, wie Müller es sah, ist die Lage beim FC Bayern natürlich nicht. Zwar gaben die Bayern die Tabellenführung an Borussia Dortmund ab, zwar sind sie mit vier Punkten aus drei Spielen nur mäßig ins Fußballjahr 2012 gestartet, doch ist ja noch genug Zeit, um wieder an die Tabellenspitze zu kommen. Bayern-Kapitän Philipp Lahm beispielsweise lieferte gleich den Plan dazu: „Es wird uns helfen, dass jetzt die englischen Wochen kommen. Dann kommen wir auch wieder in Fahrt.“ Fünf Spiele in allen drei Wettbewerben stehen für die Bayern im Februar an.

Mit der Aussicht auf baldige Besserung konnte sich der ehrgeizige Müller am Samstagabend aber nicht anfreunden. Er ist ja Teil des Problems. Er läuft kreuz und quer, gestikuliert wild, doch steht er in Zonen, die auch von Gegnern besetzt sind. Durch reine Laufleistung wird er sich aus seinem Formtief nicht befreien. Müller wartet seit September 2011 auf ein Tor. Wenn jemand die fehlende Leichtigkeit der Bayern im Vergleich mit Dortmund personifiziert, dann Thomas Müller. Arjen Robben und Ribéry beließen es am Samstagabend bei je zwei, drei guten Szenen. Und dass im Münchner Kader kein besserer rechter Verteidiger steckt als der überforderte Anatoli Timoschtschuk (Rafinha fehlte gesperrt), ließ Ribérys Winterpausen-Forderung nach Verstärkungen plausibel wirken.

Bayern-Trainer Jupp Heynckes äußerte sich nur sanft zu Müller. Er empfahl Geduld. Seit vier Spielen lässt er den Stürmer auf dessen Lieblingsposition spielen, zentral hinter der einzigen Spitze Mario Gomez. Doch ausgerechnet hier wirkt Müller weniger gut aufgehoben als auf Rechtsaußen, wo er zu Saisonbeginn spielte, als Robben fehlte. Rechts spielte Müller auch bei seiner bisher besten Leistung in dieser Saison – als er im November mit der Nationalmannschaft beim 3:0 gegen Holland brillierte. Hin- und hergeschoben in einem Kader voller Stars beim FC Bayern: Die vielgerühmte Vielseitigkeit kann eben auch zum Nachteil werden. Zudem weiß Müller in Toni Kroos einen Kollegen hinter sich, der auch lieber weiter vorn spielen würde als neben Bastian Schweinsteiger vor der Abwehr: nämlich auf Müllers Position.

Doch der entscheidende Punkt in der aktuellen Müller-Krise ist die fehlende Kaltschnäuzigkeit des Stürmers. Schon im Trainingslager in Katar hatte Heynckes gesagt, Müller müsse wieder zu alter Torgefahr zurückfinden. Die Abgezocktheit im Abschluss war immer eine der Stärken des 22 Jahre alten Stürmers. Müller wirkt seit einiger Zeit nicht mehr wie ein Instinktfußballer.

Wobei das Spiel in Hamburg für ihn noch einen Tick schlimmer war: Er kam gar nicht vor das Tor, er hatte keine gute Chance, einen Treffer zu erzielen. Andere standen dem Torjäger im Weg; manchmal waren es sogar die eigenen Kollegen. Auch deshalb wird Thomas Müller nach dem 1:1 beim HSV so frustriert gewesen sein.

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