Sport : In der Bredouille: Historische Niederlage vor der WM-Qualifikation

Nach der ersten Niederlage der deutschen Handball-Nationalmannschaft auf heimischem Terrain gegen die Schweiz am Montagabend in Freudenstadt hat Bundestrainer Heiner Brand eine Sorge mehr. Aber in Panik verfällt der Stoiker vor dem Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel gegen Polen am Sonntag in Bydgoszcz bei Danzig nicht. "Der Rückschlag gibt mir zu denken. Wir sind schon wieder auf dem Boden der Tatsachen. Aber ich freue mich auf die Analyse", meinte der 47-jährige Bundestrainer nach dem historischen 26:27 durch das Freiwurf-Tor des überragenden Schweizers Marc Baumgartner in letzter Sekunde.

Die Bredouille, in der Brand vor den Play-off-Spielen um die WM-Fahrkarte im Januar 2001 nach Frankreich und vor dem Olympischen Turnier in Sydney steckt, liest sich wie die endlose Geschichte über Verletzungen, Terminnot, Überbelastung und Stellenwert-Definition. "Ich habe zurzeit nur 15 Spieler, dafür aber Verletzte, die nicht einfach zu ersetzen sind", begründete Brand erneut seine Dauer- Forderungen an die Bundesliga. "Es muss jetzt geklärt werden, wo wir stehen, wohin wir wollen, welche Rolle wir spielen sollen."

Solche Grundsatzdiskussionen so kurz vor den wichtigsten Wochen des Jahres sind wohl fehl am Platze, beschreiben aber die Realität. Wie schon 1996/1997 könnte die DHB-Auswahl an der WM-Qualifikation scheitern, wenn es gegen Polen im Rückspiel am 9. Juni in Lübeck um alles oder nichts geht. Die mühsame Rückkehr in die Elite gelang 1998 über Platz drei bei der Europameisterschaft und Rang fünf bei der Weltmeisterschaft 1999. Doch schon der indiskutable neunte EM-Rang im Januar in Kroatien war ein warnender Hinweis, dass ohne vernünftige Vorbereitung, ohne den Führungsspieler Bogdan Wenta und mit dem nur verletzt eingesetzten Welthandballer Daniel Stephan die DHB-Auswahl kaum eine Chance hat.

Die beiden saßen zur psychologischen Stütze für sich und das deutsche Team bei der Partie im Schwarzwald am Rand des Spielfeldes und mussten mit ansehen, wie gegen die Schweiz ein 24:21-Vorsprung in den letzten neun Minuten unkonzentriert verspielt wurde. Allein Baumgartner war mit neun Treffern das Eintrittsgeld wert. Der bullige Rückraumschütze kommt nach zweijährigem Aufenthalt in Winterthur wieder zum TBV Lemgo zurück. "Die Bundesliga beginnt schon Ende Juni mit ihrer Vorbereitung. Wenn die Grundlagen gelegt sind, kann ich abschätzen, wie weit sie sind", sagte Brand. Stephan (Daumenbruch) und Wenta (Unterarmbruch) hätten gerade erst den Ball in die Hand genommen.

Ohne ihre Spielmacher war die DHB-Auswahl nicht in der Lage, die von dem Essener Heiko Karrer (3 Tore) geführte Mannschaft zum durchschlagenden Erfolg zu bringen. Brand musste kurzfristig den Wetzlarer Markus Baur für Sonntag schonen, weil den zweiten Mittelmann hinter Stephan Achillessehnenprobleme plagen. Noch hat Heiner Brand nicht den Idealkader zur Verfügung, der am 7. September nach Sydney fliegen wird und dort um Medaillen kämpfen soll. Die Abwehr war selten so schwach und ohne Konzept wie im Spiel gegen die Eidgenossen. Volker Zerbe (Lemgo/2), sowie Kreis- und Abwehrspieler Christian Schwarzer (Barcelona/4) und Bernd Roos (Großwallstadt/4/1) prägten in der Schwarzwald-Höhenluft das Spiel.

Champions-League-Sieger Schwarzer tat der DHB-Auswahl bei seinem Comeback nach halbjähriger Verletzungspause mit seiner Wucht von 100 Kilogramm gut. Der Mindener Frank von Behren (7/3) übernahm Verantwortung. Stefan Kretzschmar (Magdeburg/1) saß wie verabredet 30 Minuten und bewegte zu wenig. Noch war es keine Einheit, die Siegermentalität ausstrahlt. An die zwei Trainingseinheiten auf dem Schliffkopf schließen sich bis zum Abflug nach Danzig noch vier Tage Training in Tailfingen an. Zeit genug zur Analyse für Heiner Brand.

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