Sport : In der Ferne so nah

Vor einem Jahr begann das WM-Abenteuer der Deutschen – von dem Erfolg profitiert Rudi Völler noch heute

Stefan Hermanns

Glasgow. Manchmal ist es ganz leicht, auf eine weite Reise zu gehen. Man muss nur die Augen zumachen und den Worten Rudi Völlers lauschen. Gestern Vormittag zum Beispiel. Auf einmal ist man 10 000 Kilometer weit in die Vergangenheit geflogen, zurück in den Juni 2002, nach Miyazaki in Japan oder nach Seogwipo auf die koreanische Insel Jeju. Rudi Völler sagte gestern in East Kilbride, Schottland: „Michael Ballack wird auch heute Nachmittag nicht trainieren. Er wird im Hotel bleiben und sich behandeln lassen, vielleicht ein bisschen laufen, aber nur gedämpft. Wir alle hoffen natürlich, dass es bis morgen klappt. Ich bin da immer noch Optimist."

Rudi Völler, der Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, hat diese Sätze alle schon etliche Male gesagt. Genau ein Jahr ist das her. Damals, bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea, hat Michael Ballack fast nie mit der Mannschaft trainiert. Oft ist er im Hotel geblieben, hat sich behandeln lassen oder ist ein bisschen um den Trainingsplatz gelaufen. Und trotzdem war Ballack während des Turniers der beste Spieler der Deutschen. Er war es, der sie gegen die USA ins Halbfinale geschossen hat und gegen Korea ins Endspiel. Man könnte auch sagen: Ballack hat Deutschland (gemeinsam mit Torhüter Oliver Kahn) zum Vizeweltmeister gemacht, und vielleicht wäre es noch mehr geworden, wenn Ballack im Finale nicht gesperrt gewesen wäre (und Kahn nicht gepatzt hätte).

„Es erstaunt einen immer wieder, wie schnell so ein Jahr vergeht", sagte Rudi Völler. Bei der Pressekonferenz vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland wurde er gestern noch einmal zur Weltmeisterschaft vor einem Jahr befragt, und nachdem er geantwortet hatte, übersetzte der Dolmetscher des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) seine Aussage für die britischen Journalisten ins Englische. Ein „brilliant tournament“ sei das gewesen, ein brillantes Turnier also, doch Völler hatte so etwas überhaupt nicht gesagt. Am liebsten würde er über die Vergangenheit gar nicht mehr reden. „Die WM ist abgehakt“, sagte Völler.

Mag sein, dass das so ist, aber der überraschende Erfolg der Deutschen wirkt immer noch nach. Beliebt war Rudi Völler auch schon vor der Weltmeisterschaft, doch dass er eine Truppe von vermeintlichen Versagern vor einem Jahr bis ins WM-Finale geführt hat, hat ihm den Nimbus der Unverletzbarkeit eingebracht. Am besten lässt sich das illustrieren, wenn man Völler mit seinem Vor-Vorgänger Berti Vogts vergleicht. Als Spieler wurde Vogts von den Deutschen genauso geliebt wie zehn Jahre später Rudi Völler; aber die öffentliche Wahrnehmung von ihrer Arbeit als Trainer könnte unterschiedlicher gar nicht sein. Rudi Völler ist gewissermaßen der Anti-Vogts.

In seiner Freitagsausgabe hat der schottische „Daily Express" Aussagen des DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder über den früheren Bundestrainer zitiert: Vogts habe in Deutschland leider seine Probleme mit der Presse gehabt. „Es tut mir Leid für ihn, aber Berti ist nun mal Berti, er kann nicht locker und lässig sein.“ Dabei habe er eigentlich einen guten Job für den DFB gemacht. Streng genommen war Vogts sogar erfolgreicher als alle anderen Reichs- oder Bundestrainer vor und nach ihm, inklusive den diversen Teamchefs. Von 102 Länderspielen hat die Nationalmannschaft unter Vogts lediglich zwölf verloren. Völler bringt es schon jetzt auf acht Niederlagen (bei nur 37 Länderspielen).

Für Fredi Bobic, der einst von Vogts zum Nationalspieler gemacht und dann im vergangenen Herbst von Völler reaktiviert wurde, war es eine ganz neue Erfahrung, dass die Nationalmannschaft auch Länderspiele verliert. Zu Zeiten von Vogts hat er das so gut wie gar nicht gekannt. Da sei er 45 Mal in den Kader der Nationalmannschaft berufen worden, und nur ein einziges Spiel hätten sie davon verloren; jetzt bei Völler hat Bobic mit der Nationalmannschaft gerade zweimal gewonnen.

Aber Berti Vogts hat im Grunde stets die falschen Spiele gewonnen und, abgesehen von der Europameisterschaft 1996, immer die entscheidenden verloren: das EM-Finale 1992 gegen die Dänen, die damals als eine bessere Freizeitkicker-Truppe wahrgenommen wurden, das WM-Viertelfinale 1994 gegen die vermeintlich zweitklassigen Bulgaren und 1998 ebenfalls das WM-Viertelfinale gegen Kroatien.

Rudi Völler hingegen hat vor einem Jahr in Asien die richtigen und wichtigen Spiele gewonnen, und das schützt ihn vor der Wut der Öffentlichkeit, wenn die Mannschaft gegen Litauen oder Bosnien nur unentschieden spielt oder gegen Spanien ziemlich kläglich verliert. Seit der WM haben die Deutschen von neun Spielen nur vier gewonnen, und trotzdem sagt Jens Jeremies: „Wir sind jetzt wieder dabei, etwas sehr, sehr Gutes aufzubauen, wovon wir noch in den nächsten Jahren profitieren werden.“

So etwas hätte sich Berti Vogts einmal erlauben sollen.

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