Sport : In der Hochdruckkammer

Hertha BSC zeigt nur unter Zwang alle Qualitäten, so auch beim 2:2 in Mönchengladbach

Stefan Hermanns[Mönchengladbach]

Vermutlich war es die reine Angst, die Horst Köppel ergriffen hatte. Der Trainer von Borussia Mönchengladbach wütete an der Seitenlinie. Seine Erregung richtete sich gegen Detlef Scheppe, den vierten Offiziellen des Fußball-Bundesliga-Spiels zwischen den Gladbachern und Hertha BSC. „Eine Minute hast du angezeigt!“, schrie Köppel. „Jetzt sind schon drei drüber!“ Noch einmal stürmten die Berliner, noch einmal drang Gilberto in den Gladbacher Strafraum ein, er traf erneut auf erstaunlich wenig Gegenwehr, schoss aufs Tor, doch der Ball flog am Pfosten vorbei. Man musste nur Horst Köppel an der Seitenlinie toben sehen, um zu wissen, welche Mannschaft das 2:2 wie einen Sieg empfinden würde.

Auf den ersten Blick mag es seltsam erscheinen, wenn ein Trainer in einem Heimspiel mit einem Unentschieden zufrieden ist, obwohl seine Mannschaft in der 82. Minute in Führung gegangen ist. Köppels Angst aber sprach für eine realistische Einschätzung der Dinge. Ein Sieg der Gladbacher „hätte das Spiel auf den Kopf gestellt“, sagte Herthas Manager Dieter Hoeneß. 25-mal hatten die Berliner auf das Tor geschossen, sie vergaben zehn Torchancen. Trotzdem mussten sie am Ende froh sein, dass Niko Kovac mit seinem Kopfballtor zum 2:2 wenigstens einen Punkt gerettet hatte.

Es war schon bemerkenswert, dass die Berliner nach dem Spiel vor lauter Haaren überhaupt noch ein bisschen Suppe entdeckten. „Ich sehe das 2:2 nicht negativ“, sagte Trainer Falko Götz. Er empfand den mickrigen Punkt sogar als „sehr, sehr wertvoll“, und auch Hoeneß äußerte seine Zuversicht, „dass uns dieser Punkt noch helfen kann“. Zumindest eröffnet er den Berlinern die Möglichkeit, Bayer Leverkusen im direkten Duell am Dienstag in einer Woche zu überholen und auf Platz fünf zurückzukehren. Die Leverkusener haben innerhalb von zwei Spieltagen aus einem Rückstand von zwei Punkten auf Hertha einen Vorsprung von zwei Punkten gemacht. Bei einer Niederlage der Berliner wären es sogar drei gewesen. „Dann hätten wir mit drei Toren Unterschied gewinnen müssen“, sagte Hoeneß über die direkte Konfrontation in acht Tagen. Fehlen wird in diesem Spiel Innenverteidiger Dick van Burik, der wegen eines Muskelfaserrisses zwei Wochen ausfällt. Die Verletzung von Yildiray Bastürk stellte sich als harmlosere Muskelverhärtung heraus.

Niko Kovac fand es im Hinblick auf die Begegnung mit Leverkusen „gar nicht so schlecht“, dass Hertha nicht gewonnen hatte. „Sonst würden wir vielleicht ins Spiel gehen und sagen: Okay, erst mal abwarten.“ Stattdessen wird Hertha von der ersten Minute an den Druck zu gewinnen spüren. Nach den jüngsten Erfahrungen muss das kein Nachteil sein. „Es ist schon paradox, dass uns unsere Qualität hilft, nach dem Rückstand noch das 2:2 zu machen“, sagte Falko Götz. Die Möglichkeit, aus dem 1:1 rechtzeitig ein 2:1 zu machen, ließen die Berliner hingegen mehrmals ungenutzt. Erst als sie nicht mehr anders konnten, erzwangen sie mit aller Macht das Tor. Das war schon nach dem 0:1 durch ein Eigentor von Sofian Chahed so gewesen. Nur fünf Minuten später traf Bastürk zum 1:1. „Das ist auch eine Qualität“, sagte Manager Hoeneß.

Die Mannschaft aber hätte sich viel Stress ersparen können, wenn sie vor dem 1:2 mit einer ähnlichen Entschlossenheit zu Werke gegangen wäre wie danach. „Das muss man ihr auch vorwerfen“, sagte Hoeneß. Das Spiel in Mönchengladbach wirkte wie ein Schnelldurchlauf der gesamten Saison: Erst als es schon fast zu spät schien, besannen sich die Berliner auf ihre Stärken. Mit ein bisschen mehr Konstanz hätte Hertha den Platz im Uefa-Cup vermutlich längst sicher. Stattdessen hat die Mannschaft im so genannten Schneckenrennen um Platz fünf das Tempo zeitweise selbst erheblich gedrosselt.

Angesichts der Altersstruktur wird es solche Einbrüche auch in Zukunft geben. Dieter Hoeneß sieht die Mannschaft immer noch „in einem Entwicklungsprozess“. Nervenstärke könne man nicht künstlich herstellen, sagt er. Manchmal muss man einfach hoffen, dass die äußeren Umstände ein bisschen nachhelfen.

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