Sport : In der Höhe liegt die Kraft

Die Stabhochspringer sorgen bei der Hallen-WM für die deutschen Bestmarken

Jörg Wenig

Birmingham. „Ich habe mir gesagt: Hopp oder top, und alles auf eine Karte gesetzt.“ Für Tim Lobinger hat sich das Risiko gelohnt. Um Kraft zu sparen, hatte der 30-jährige Stabhochspringer zwei Sprunghöhen ausgelassen. Mit 5,80 m sicherte er sich schließlich den Sieg bei den Hallen-Weltmeisterschaften der Leichtathleten in Birmingham. Damit wurde Tim Lobinger seiner Favoritenrolle gerecht. „Ich stand natürlich unter Erfolgsdruck, denn ich war das Aushängeschild unseres deutschen Teams. Aber ich habe diesen Druck im Wettkampf einfach vergessen“, sagt Lobinger, der für seinen Erfolg 40 000 Dollar kassierte. Es war das erste Mal, dass der Kölner in den Genuss einer WM-Prämie kam, denn nie zuvor in seiner langen Karriere hatte er eine Medaille bei diesen Titelkämpfen gewonnen.

Da der Leverkusener Michael Stolle mit seinem Sprung über 5,75 m noch Silber gewann, hat alleine der Höhenflug der Stabhochspringer dafür gesorgt, dass das kleine deutsche Team in Birmingham erfolgreicher war als bei der Hallen-WM vor zwei Jahren in Lissabon. Damals gab es nur zwei Bronzemedaillen.

Die große Überraschung dieser Saison war aber nicht Tim Lobinger, sondern Michael Stolle. „Alleine schon die WM erreicht zu haben, war ein großer Erfolg für mich“, sagt der Leverkusener. Vor einem Jahr hatte er sich die Patellasehne im Fuß so schwer verletzt, dass er ein Jahr lang ausfiel. „Das zehrt natürlich an den Nerven. Bei meinem ersten Wettkampf habe ich nur an die Verletzung gedacht. Erst als ich dann merkte, dass alles in Ordnung ist, konnte ich mich wieder auf das Springen konzentrieren. So blieben mir nur eineinhalb Monate Zeit, um mich auf diesen Saisonhöhepunkt vorzubereiten“, sagte Michael Stolle, der ebenfalls zum ersten Mal eine Medaille bei einer Weltmeisterschaft gewann.

Zehn Jahre ist es her, da profitierte der heute 28-jährige Stolle vom Stabhochsprung-Serienweltrekordler Sergej Bubka. Damals trainierten beide in Berlin. „Da kam ein älterer Herr, der gab mir im Training Tipps. Normalerweise reagiere ich auf so etwas nicht, weil viele Leute, die einem Tipps geben, gar keine Ahnung haben vom Stabhochsprung. Aber das, was er sagte, war faszinierend“, erinnert sich Stolle. Als der Mann am nächsten Tag mit seinen beiden Athleten wieder in der Halle trainierte, wusste er, um wen es sich handelte: den Trainer von Sergej Bubka. „Zwei Jahre lang habe ich im Wintertraining in Berlin viel von Sergej gelernt“, sagt Stolle.

Die Bewunderung für Sergej Bubka, dessen zehn Jahre alte Bestmarke von 6,15 m bis heute unerreicht ist, hält sich bei Lobinger in Grenzen. Der Kölner steht dem Ukrainer kritisch gegenüber und hat ihn auch dafür verantwortlich gemacht, einige Regeländerungen mit initiiert zu haben. So wurde im Stabhochsprung der Metallstift, auf dem die Latte liegt, verkürzt. „Das ist schön für Sergej, denn sein Weltrekord wird ewig stehen. Der Springer, der den löscht, muss erst noch geboren werden“, sagte Lobinger, der 1997 als erster Deutscher 6,00 m sprang und befürchtet, dass derartige Höhen künftig wesentlich seltener erreicht werden. In Birmingham ging es für Lobinger allerdings nicht um die Höhe. „Hier war nur der Sieg wichtig – und damit hat sich für mich ein Traum erfüllt.“

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