Sport : In der Mitte von Nirgendwo

Julius Müller-Meiningen

Es leuchtet erst einmal nicht ein, warum Fredi Bobic sich entschieden hat, jetzt in Bolton zu leben. Das heißt, er lebt gar nicht wirklich in dieser nordwestenglischen Industriestadt mit ihren 300 000 Einwohnern, die das Vorurteil von Kohlengeruch und Nieselregen überraschend deutlich bestätigt. Bolton ist zwar nicht weit von Manchester entfernt, aber gerade lebt Fredi Bobic in der "Mitte von Nirgendwo". So hat die Frau am Wegrand die Gegend beschrieben, als man sie nach einer Busverbindung in die Boltoner Innenstadt gefragt hat. Fredi Bobic, der seit Januar bei den Bolton Wanderers in der Premier League spielt, wohnt in dem Hotel, das in das Stadion seines Klubs eingebaut ist. Am Stadion, zwanzig Autominuten von der Stadt entfernt, führen zwei Schnellstraßen vorbei; ein Einkaufszentrum, ein Kino und eine Tankstelle gibt es noch. Fredi Bobic sagt, dass es ihm gut geht.

Bobic war unzufrieden und vielleicht im tiefsten Tal seiner Karriere angelangt. Und das ist wohl der Grund dafür, dass einer, der 1996 Torschützenkönig in der Bundesliga war, jetzt in der Mitte von Nirgendwo lebt und sagt, dass er sich wohl fühlt. Nachdem er 1999 für knapp sechs Millionen Euro vom VfB Stuttgart zu Borussia Dortmund gewechselt war und es endlich richtig nach oben gehen sollte, spielte er mit Dortmund gegen den Abstieg. Es kam noch schlimmer: Bobic verletzte sich an der Schulter, musste zweimal operiert werden, und als er sich mühsam wieder an einen Platz im Team herangekämpft hatte, ließ ihn Matthias Sammer, der Trainer, fast nicht mehr spielen. Bobic sagte damals, er könne sich nicht vorstellen, dass es sportliche Gründe seien, warum er nicht eingesetzt werde. Dortmund hatte gerade für etwa 80 Millionen Mark die Stars Amoroso, Ewerthon und Koller gekauft. Da war Fredi Bobic, inzwischen 30 Jahre alt, überflüssig geworden.

Er wollte nur noch weg und wieder Fußball spielen. Ein paar Vereine seien interessiert gewesen. Aber dann hat im September 2001 "Bild" seinen Kontoauszug veröffentlicht. Bobics Bezüge haben viele erschreckt. Die Vereine aus der Bundesliga sind dann abgesprungen und haben erst gar keine Angebote gemacht. Die Bolton Wanderers haben sich auch gemeldet und "das konkreteste Angebot gemacht", sagt Bobic. Ein paar Spieler des Vereins waren ihm bekannt, und den schottischen Verteidiger der Wanderers, Colin Hendry, hatte er zufällig in den Ferien auf Kreta getroffen. Die Wanderers schlossen im Januar einen Leihvertrag mit Dortmund bis zum Ende der laufenden Saison, danach hat Bolton eine Kaufoption, weil der Vertrag in Dortmund noch bis Juni 2003 läuft. Bobic sagt: "Mir geht es nicht ums Geld. Ich will Fußball spielen."

Siebenmal wurde Bobic in der Premier League bisher eingesetzt, für einen Verein, der seine besten Zeiten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte, 1987 bis in die vierte Division abgestiegen war und es jetzt immerhin zu einer Fahrstuhlmannschaft gebracht hat, die zwischen Erster und Zweiter Liga pendelt. Laut Bobic sind die Wanderers ein "familiärer Traditionsklub, der aber sehr modern agiert". Die eher mittelalterlich anmutende Vereinbarung, dass bei einer Niederlage mit mehr als drei Toren Abstand die Spieler der Wanderers Widderhoden verzehren müssen, bei einem ebenso hohen Sieg hingegen Trainer und Präsidium zugreifen müssen, ist für die Funktionäre weniger gefährlich. Durch die gestrige 1:3-Heimniederlage gegen Derby ist Bolton auf einen Abstiegsplatz gerutscht.

Das Wichtigste ist ja, überhaupt Fußball zu spielen, hat Bobic gesagt. Aber zuletzt in Sunderland hat ihn der Trainer Sam Allardyce zum ersten Mal in einem Ligaspiel gar nicht eingesetzt, und gestern durfte er erst nach 70 Minuten auf den Platz. Es gibt allerdings ein paar Faktoren, die es Fredi Bobic nicht einfach machen in Bolton. Der Verein leiht fleißig Spieler aus. Zuletzt kamen der Däne Stig Töfting vom HSV und der in Kaiserslautern gescheiterte Franzose Youri Djorkaeff. Je mehr Spieler verpflichtet werden, desto enger wird es für Bobic. Er kennt das aus Dortmund. Aber das größte Problem für den Stürmer ist wohl, dass er noch kein Tor geschossen hat, sieht man von einem Treffer in einer Reservepartie mit der zweiten Mannschaft ab.

Bobic wehrt sich und sagt, dass ihn der Trainer in den Auswärtspartien immer im Mittelfeld einsetze. "Da ist es verständlicher, dass ich noch kein Tor geschossen habe."

Trotzdem will Bobic unbedingt, dass man ihm glaubt, es gefalle ihm in der neuen Mannschaft und in England sehr gut. Er sagt, dass die Stimmung im Team "locker und ungezwungen" sei. "Die Jungs haben sehr viel Herz." Inzwischen spielen Dänen, Finnen, Franzosen, Jamaikaner, ein Deutscher, ein Isländer, ein Italiener und ein Senegalese bei Bolton. "Das macht einen Riesenspaß." Der Trainer hat sogar öffentlich gelobt: "Fredis Englisch ist perfekt." Bobic mag den englischen Fußball, weil er "unkompliziert und direkt" ist. Kein Spieler bleibe unnötig lange am Boden liegen, und fast nichts werde vom Schiedsrichter abgepfiffen. "Man muss seinen Kopf überall reinhalten." Beim 1:0-Sieg gegen West Ham United holte sich Bobic eine Platzwunde am Kopf. "Ich glaube, das hat das Publikum anerkannt." Wenn man in Bolton nachfragt, hört man, dass die Leute etwas Besonderes erwarten von einem, der 19 Länderspiele für Deutschland gemacht hat: "Er spielt okay, aber eben nicht besonders. Wir warten alle noch."

Bobic sagt, dass viele seinen Wechsel als Abstieg deuteten. "Ich habe das aber auch für mich persönlich gemacht. Ich will mir etwas zurückholen." Vielleicht sind die Wanderers für ihn eher eine Notlösung gewesen. Bobic sagt natürlich, wie gerne er Bolton im Abstiegskampf helfen will. Aber eigentlich geht es darum, wieder "Spaß am Beruf" zu finden und "Spielpraxis zurückzugewinnen". Bolton ist für Bobic zugleich Rettungsring und Sprungbrett.

Nur wenn die Bolton Wanderers in der Premier League bestehen, könnten sie sich Spieler wie Bobic oder Djorkaeff weiterhin leisten. Steigen die Wanderers ab, ist es sicher, dass Fredi Bobic wieder geht. Wenn er spielt, spielt Bobic auch um seine eigene Zukunft und darum, dass er vielleicht ab Sommer aus der Mitte von Nirgendwo in eine Wohnung oder ein Haus in Bolton ziehen kann. Und er spielt darum, dass seine Frau und seine beiden Töchter nach England kommen. Oder er geht vielleicht sogar selbst zurück nach Deutschland. "So etwas kann von heute auf morgen passieren. Entschieden ist noch nichts."

Wenn Fredi Bobic von der Zukunft spricht, hört es sich nicht unbedingt danach an, dass er in Bolton bleiben wird. Er schließt es aber auch nicht aus. Das einzig Negative sei, dass seine Familie nicht da ist. Aber er fragt auch: "Was soll ich mich festkrallen?" Am Ende des Gesprächs hat Bobic noch gesagt, dass die Wanderers wahrscheinlich nicht der letzte Verein in seiner Karriere sein werden.

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