Sport : In der Schwebe

Beim Floating treibt man in einem mit Sole gefüllten Tank – auf der Suche nach Entspannung und dem Ich

Daniela Martens

Es ist dunkel. Überall. Auch mit offenen Augen. Spärische Klänge aus allen Richtungen. Wo bitte ist jetzt oben, unten, rechts und links? Auf der Haut überall Öl und Salz. Das muss die versprochene Tiefenentspannung sein: Das Gehirn schwingt in einem Bereich, der sonst nur während des Schlafens erreicht wird.

„Floaten“ heißt dieses Badeerlebnis, das immer mehr Berliner als Mittel gegen Winterdepressionen, Stress oder Rheuma entdecken. Wie ein Floß auf dem Toten Meer um Mitternacht treibt man in dem Tank. Der menschliche Körper bleibt wie ein Korken an der Wasseroberfläche – dank einer Solefüllung aus Wasser und Bittersalz, auch als Magnesiumsulfat oder Epsomsalz bekannt. Manche Tanks sehen aus wie Jakobsmuscheln, die sich in der Mitte öffnen lassen. Im kürzlich eröffneten „Tranxx“ an der Akazienstraße in Schöneberg floatet man in Pyramiden mit einer Art Kofferraumklappe als Einstieg.

Der erste Tank dieser Art war jedoch eher unförmig: Der amerikanische Neurophysiologe, Delphin- und LSD-Forscher John Cunningham Lilly konstruierte den „Samadhi-Tank“, um menschliche Bewusstseinsebenen im Selbstversuch auszuloten. Hippies und New-Age-Anhänger begeisterten sich dafür, außerhalb dieser Randgruppe wurde die Idee jedoch lange für eine Spinnerei gehalten. Erst seit einigen Jahren interessieren sich auch andere für den Schwebezustand und die heilende Wirkung der Sole.

Rheumatiker, die nach einigen Bädern ihre Krücken stehen lassen; gestresste Manager, die mehrere Wochen in einem Zustand der „heiteren Gelassenheit“ herumlaufen; schwangere Frauen, die eine besondere Verbindung zu ihrem Baby fühlen; hyperaktive Kinder, die eine Stunde in vollkommener Ruhe im Tank treiben; gestandene Männer, denen ihr Schutzengel begegnet ist – wenn „Tranxx“-Geschäftsführerin Andrea Bosch über die Wirkung des Floatens spricht, wird man an religiöse Wundertaten erinnert, ganz ernst nehmen mag man die Erzählungen nicht.

Doch auch zweifelnde Durchschnittsmenschen treiben nach einiger Zeit tief entspannt in der Sole dahin. Bei einigen dauert das allerdings etwas länger. „Männer sind meistens sofort weg, wenn sie sich in den Tank legen. Frauen sind so sehr auf äußere Einflüsse konzentriert, dass sie wesentlich länger brauchen, um völlig loszulassen“, weiß Boschs Kollegin Claudia Beyer.

Im Tank werde man sich selbst begegnen – das hat Chefin Andrea Bosch angekündigt. Diese Aussicht hört sich an wie eine New-Age-Parole, sie bedient aber einen neuen Trend: „Nach der Wellnesswelle kommt der Selfness-Trend“, sagt Bosch. „Die Beschäftigung mit den eigenen Ressourcen als Zukunftsstrategie“, so hat Zukunftsforscher Matthias Horx den von ihm geprägten Begriff „Selfness“ vor einigen Jahren umschrieben.

Zunächst würde sich das Selbst jetzt aber am liebsten kräftig kratzen: Da die Sole in den Augen brennt, darf man sich nicht im Gesicht anfassen – doch wie auf Knopfdruck juckt es auf einmal über der linken Braue, dann neben der rechten. Entspannung will sich zunächst so nicht recht einstellen. Dass der Juckreiz irgendwann aufgehört hat, bemerkt man erst hinterher. Irgendwann hat sich der Schwebezustand einfach ins Gehirn geschlichen. Wo die Sole aufhört und wo die Luft beginnt, lässt sich nicht mehr unterscheiden.

Die Temperaturen der beiden Elemente sind mit 34 bis 36 Grad genau auf die Hauttemperatur abgestimmt. Und dann stellt sich tatsächlich ein wenig von der Schwerelosigkeit ein, von der Andrea Bosch vorm Floaten so geschwärmt hat. Während man in absoluter Dunkelheit dahintreibt, werden Haut und Muskeln durchwärmt und besser durchblutet. Auch die angepriesene Wirkung, dass der Körper durch eine Osmose zwischen Haut und Sole entschlackt wird wie bei einer Heilfastenkur, kann man sich vorstellen. Schließlich stellt sich sogar ein wenig dieser „heiteren Gelassenheit“ ein.

Die hält zwar nicht gerade lange – das Salz, das man noch Tage später in den Ohren findet, dafür umso länger.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben