Sport : In der zweiten Reihe

Seit die Fußball-Bundesliga in öffentlich-rechtlichen Sendern und DSF läuft, kämpfen die anderen Sportarten um ihre Fernsehpräsenz

Claus Vetter

Berlin. Wenn Olaf Nolden an Fernsehübertragungen seiner Lieblingssportart denkt, bekommt er schlechte Laune. „Da wird ja fast gar nichts mehr gezeigt“, sagt der Handball-Fan aus Köln. „Die Ignoranz mancher Sender grenzt schon an Boykott.“ Nolden hat die Initiative „Mehr Handball im Fernsehen“ gegründet mit einer Internetseite und allem Drum und Dran. Doch nicht nur die Handball-Anhänger sind verärgert: Nachdem die Fußball-Bundesliga zurück ins öffentlich-rechtliche Fernsehen gewandert ist und auch das Deutsche Sportfernsehen (DSF) nun am Sonntag erstklassige Kicker zeigt, sitzen außerhalb des Fußballs Sendezeiten und Geld bei den TV-Anstalten nicht mehr so locker. Vor allem andere populäre Mannschaftssportarten wie Handball, Eishockey und Basketball bekommen das zu spüren.

Die Handball-Bundesliga scheint es besonders hart zu treffen. Bislang zeigte das DSF ein Spiel pro Woche live. Nachdem das DSF in dieser Saison nun elf Millionen Euro für die Übertragung zweier Fußball-Bundesliga-Partien zahlt, wird dort hart gerechnet. Für die kommende Saison, die am 31. August startet, ist noch kein Vertrag mit dem Deutschen Handball-Bund (DHB) unterzeichnet: Der Sender will, dass sich der Verband an den Produktionskosten beteiligt. Das wäre aber ein Risiko für die Klubs. Nur wenn Einschaltquote und in deren Folge auch die Werbeeinnahmen stimmen, verdienen sie Geld. Unter den Bundesligisten ist das Modell unbeliebt. „Unsere Sportart hat es nicht nötig, für die Übertragung zu zahlen“, sagt etwa Thorsten Storm, Geschäftsführer des Bundesligisten SG Flensburg-Handewitt.

Olaf Nolden sieht es ähnlich, findet aber, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen einspringen müsste. Mancher Regionalsender würde seinem Auftrag nicht gerecht, findet Nolden, der aus der Handballhochburg Kiel stammt. „Die im NDR blocken völlig. Sechs Topklubs spielen im Norden, und die zeigen so gut wie gar nichts.“ 6000 Beschwerde-E-Mails haben Handball-Fans auf Noldens Initiative an den NDR geschickt. „Da hat mir der Sender mit einer Klage gedroht, weil deren Mailserver angeblich abgestürzt ist.“ Inzwischen hat der NDR sein Programm umstrukturiert, im „Sportclub Live“ soll am Sonntagabend neben 30 Minuten Fußball auch Platz für andere Sportarten sein. „Früher ging es nur um Fußball, das halte ich für einen Fehler“, sagt NDR-Sportchef Gerhard Delling. Inzwischen sollen in den Wochenendsendungen des NDR zwei Drittel Fußball gesendet werden und zu einem Drittel andere Sportarten. Allerdings müssten sich die Sportverbände mehr Mühe geben, fernsehkompatibler zu werden. Delling sagt, dass die Spielpläne der Handball-Bundesliga mitunter nicht adäquat gewesen seien.

Der NDR verhandelte bereits mit der Handball-Bundesliga. Der Sender bot an, samstags für fünf Minuten Ausschnitte aus einem Bundesliga-Spiel zu zeigen. Doch das Projekt scheitertete, der DHB sollte sich an den Produktionskosten der Beiträge beteiligen (siehe nebenstehenden Text). Die Volleyballer des VfB Friedrichshafen müssen das schon länger tun. Der deutsche Rekordmeister hat bereits für Übertragungen im DSF gezahlt. Ohne eine Fernsehübertragung hätte Friedrichshafen nicht an der Champions League teilnehmen dürfen. So will es das Reglement dieser Liga.

Doch auch ohne eine solche Regel treffen fehlende Fernsehzeiten die Sportverbände sehr. Weniger Übertragungszeit im Fernsehen bedeutet weniger Geld von Werbepartnern. Das wiederum bedeutet, dass die Klubs ihre Etats verringern und billigere Spieler verpflichten müssen. Vor allem für überregionale Sponsoren zählt mediale Präsenz.

Vor einer ähnlich unsicheren Zukunft wie der Handball steht derzeit die Basketball-Bundesliga. Zwei Monate vor der neuen Saison hat sie keinen Fernsehvertrag mehr. Die Zusammenarbeit mit Sat 1 – der Sender zeigte sonntags jeweils für eine halbe Stunde Ausschnitte von Bundesligaspielen – ist beendet. Basketball lief als sportliches Vorprogramm von „ran“. Doch die Fußball-Bundesliga spielt jetzt in der ARD. Otto Reintjes, Commissioner der Basketball-Bundesliga, sieht die Lage aber nicht dramatisch. „Ich denke schon, dass wir noch bei einem Sender etwas erreichen“, sagt er. „Außerdem nutzen wir andere Partner, um für unseren Sport zu werben.“ Internetpräsenz, ein Fast-Food-Unternehmen als Partner, Werbung bei einer Kinokette und ähnliches: Hört sich interessant an, dürfte die Klubkassen aber kaum so füllen wie die Fernsehzeiten. „Unsere Vereine sind auch nicht so auf Fernsehgelder angewiesen“, sagt Reintjes. Abgesehen vom Fußball habe doch sowieso nur Eishockey „mal einen guten Vertrag gehabt“.

Das stimmt: Noch vor vier Jahren garantierte ein Vertrag der Taurus, ein Tochterunternehmen der insolventen Kirch-Gruppe, jedem Klub der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) pro Saison 1,5 Millionen Mark. Die Zeiten aber sind längst vorbei. Trotzdem sind die DEL-Klubs neben den Fußballvereinen die letzten im Mannschaftssport, die noch mit TV-Geldern planen können. Was für den Medienbeauftragten der DEL eine Selbstverständlichkeit ist. „Wir werden einen Teufel tun, irgendwo einen Geldkoffer hinzutragen“, sagt Andreas Ulrich. „Wir haben die größten Hallen und die meisten Zuschauer in den Stadien – nach dem Fußball.“ Und Ulrich schwärmt davon, dass die DEL vergangene Saison „543 Millionen Blickkontakte im Fernsehen hatte“. Nur: Mit der Präsenz der DEL im Free-TV wird es wohl nicht besser werden.

Eine weitere Zusammenarbeit mit dem DSF, wo bislang Liveübertragungen und Zusammenfassungen zu sehen waren, ist unwahrscheinlich, gibt Ulrich zu. DEL-Spiele in voller Länge gibt es wohl nur noch im Pay-TV. Premiere hat in der vergangenen Spielzeit 64 Partien gezeigt. Von Premiere erhält die Liga pro Saison in etwa zwei Millionen Euro, die sie an die Klubs verteilt. „Nach Formel 1 und Fußball ist Eishockey unsere Sportart Nummer drei“, sagt Emanuel Hugl von Premiere. Dem Fan ohne Dekoder hilft das nicht: Die Deutsche Eishockey-Liga findet für ihn im Fernsehen nur noch in Sekundenschnipseln statt.

Amüsant finden das viele Eishockey-Anhänger nicht. Es gibt bereits eine Initiative für „Eishockey im Free-TV“, auch mit einer Internetpräsenz – ähnlich wie bei Olaf Nolden. Der Handball-Fan muss übrigens weiter fürchten, dass er bald noch weniger von seiner Lieblingssportart im Fernsehen sieht: DSF und Handball-Bundesliga haben sich noch immer nicht einigen können. Die Entscheidung über eine Zusammenarbeit soll erst am Wochenende fallen.

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