Sport : In die Zukunft mit Routine

Der Bundestrainer gab vielen Talenten eine Chance – jetzt wird er verstärkt auf erfahrene Spieler setzen

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Rudi Völler ist immer ein Mensch von angenehmer Zurückhaltung geblieben. Deshalb gibt es selbst aus dem erfolgreichen Sommer 2002 keine Aussage von ihm, für die er sich heute schämen müsste. Völler war damals als Teamchef mit der deutschen FußballNationalmannschaft überraschend Vizeweltmeister geworden, das nächste WM-Turnier würde vier Jahre später im eigenen Land stattfinden – eigentlich beste Bedingungen für ein paar starke Sprüche an die internationale Konkurrenz. Von Völler aber sind keine Aussagen überliefert, dass Deutschland auf Jahre hin unschlagbar sei.

Wahrscheinlich hat er schon damals gewusst oder zumindest geahnt, dass niemand vorhersagen kann, mit welchen Spielern die deutsche Nationalmannschaft die WM 2006 bestreiten würde. Der Tagesspiegel hat es trotzdem versucht und am Tag nach dem Finale 2002 einen Kader für die WM 2006 zusammengestellt. Sagen wir so: Es war ein Angebot. Natürlich kann niemand wissen, wie sich ein 20 Jahre alter Fußballer innerhalb von vier Jahren entwickelt. Christian Tiffert ist heute weit weg von der Nationalmannschaft, Thomas Hitzlsperger mittendrin. 2002 waren beide 20 Jahre alt – beide standen in unserem Kader.

Heute in einem Jahr, erreicht die Fußball-WM in Deutschland ihren Höhepunkt. Wenn alles nach Plan läuft, holt der Gastgeber durch ein 3:1 gegen Brasilien im Finale am 9. Juli 2006 in Berlin den vierten Titel. Aber wann läuft schon alles nach Plan? Wer weiß, ob Michael Ballack ohne Verletzungen durch die Saison kommt? Ob Kevin Kuranyi sich bei Schalke 04 auf Anhieb zurechtfindet. Ob sich Lukas Podolski seine Unbekümmertheit bewahrt. Und trotzdem lassen sich heute schon sehr plausible Vorhersagen über die Zusammensetzung des deutschen WM-Aufgebots treffen. Der Tagesspiegel wagt es heute wieder.

„Wir haben einen Gesamtkader von etwa 35 Leuten“, sagt Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Daraus wird er im kommenden Mai 23 Auserwählte für die WM bestimmen. „Für einen Shooting-Star ist die Tür immer noch offen“, sagt der Bundestrainer. In unserem Aufgebot wäre dies der 19 Jahre alte Marcel Jansen aus Mönchengladbach. „Das ist einer“, sagt Klinsmanns Assistent Joachim Löw. Jansen interpretiert die Rolle des linken Außenverteidigers so, wie Klinsmann sich das vorstellt: mit Drang nach vorne. Natürlich würde der U-21-Nationalspieler auch davon profitieren, dass auf seiner Position die Auswahl nicht besonders groß ist. Die beiden ersten Anwärter, Philipp Lahm und Christian Pander, sind noch verletzt, Thomas Hitzlsperger hat als Notlösung nicht überzeugen können, und Bernd Schneider ist für die Rolle in der Abwehr eigentlich zu schade.

Allerdings sagt Klinsmann auch: „Es wird jetzt schwer, weitere junge Spieler einzubauen.“ Der Unterschied zwischen dem Kader für den Confed-Cup und dem für die WM wird wohl eher ein Zuwachs an Erfahrung sein. Eine Abwehr mit zwei 20-Jährigen wird es bei der Weltmeisterschaft nicht geben. Vier Innenverteidiger will Klinsmann nominieren. Christian Wörns wird wohl einer von ihnen sein. Alternativ käme auch der Stuttgarter Markus Babbel in Frage. Vor allem aber bleibt die große Hoffnung, dass Christoph Metzelder in der neuen Saison zu alter Stärke zurückfindet.

Was Wörns für die Abwehr könnte Dietmar Hamann für das Mittelfeld sein: das stabilisierende Element. Vor einem Jahr noch galt Hamann als Hauptverantwortlicher für das schleppende Spiel bei der EM. Jetzt hat nicht nur Rudi Völler das Gefühl: „Didi ist neben Ballack der Einzige, der gesetzt ist. Dabei hat er noch gar kein Länderspiel unter Jürgen Klinsmann gemacht.“ Es ist ein Irrglaube, dass Hamann nicht in das neue offensive Spiel passt, weil er defensiv denkt. Das beste Beispiel war das Champions-League-Finale zwischen dem AC Mailand und Liverpool. Zur Halbzeit lagen die Engländer ohne Hamann 0:3 zurück. Nach seiner Einwechslung drehte Liverpool das Spiel. „Didi wird für die WM noch ein ganz großes Thema“, sagt Völler.

Vielleicht aber kommt auch alles ganz anders. Vielleicht schaffen es Spieler in den WM-Kader, an die heute noch niemand denkt: Lukas Sinkiewicz aus Köln, Sören Halfar von Hannover 96 oder der Schalker Tim Hoogland. Nie gehört? Wer kannte denn vor einem Jahr Per Mertesacker? Heute ist er aus der Nationalelf nicht mehr wegzudenken.

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