Sport : In doppelter Funktion

ROBERT HARTMANN

Diskus-Olympiasiegerin Evelin Herberg-Jahl war gedoptVON ROBERT HARTMANN FRANKFURT (MAIN).Der Dorfrichter Adam aus dem "Zerbrochenen Krug" richtete und war gleichzeitig doch der Täter.So berühmt wie diese Denkfigur Heinrich von Kleists, in der Sein und Schein weit auseinandergehen, kann die Potsdamerin Evelin Herberg-Jahl, Olympiasiegerin im Diskuswerfen von Montreal 1976 und Moskau 1980, nicht mehr werden.Aber immerhin, auch sie ist in diesem Fach ihres literarischen Vorbildes zu Hause, eine Diplomjuristin, und sie war von 1984 bis kurz nach der Wende Mitglied des Arbitration Panel, der letzten Rechtsinstanz des Weltdachverbandes IAAF.Dort saß sie auch zu Gericht über die Dopingsünder aus aller Herren Länder, die in diesem Zeitraum erwischt wurden.Obwohl sie selbst in ihrer eigenen, gerade erst beendeten Laufbahn in aller Verschwiegenheit gegen das erste Fairneßgebot des Sports verstoßen hatte. Dies kann gesagt werden, seitdem vor kurzem überraschend in Leizpig zehn Bände einer aus dem Jahr 1986 stammenden einschlägigen Forschungsarbeit aufgefunden wurden.Die damaligen Archivare müssen sich ihrer Geheimsache so sicher gewesen sein, daß sie bei den vorkommenden Personen deren Klarnamen verwendeten, also auf jede Kodierung verzichteten.Evelin Herberg-Jahl taucht hier zum ersten Mal auf.Es überrascht allerdings nicht sonderlich.Nur kann jetzt festgestellt werden, daß sie im Ideologiefach Scheinheiligkeit den einen Schritt zu weit gegangen war.Und dies erhebt die frühere Majorin der Nationalen Volksarmee in einen besonderen Rang. Daß sie beim letzten Verbandstag des (Ost-) Deutschen Verbandes für Leichtathletik (DVfL) im Mai des Wendejahres 1990 ihren Posten als Vorsitzende der Kommission Rechtswesen verlor, signalisierten die ebenfalls altgedienten Wendehälse schließlich auch ihr: Mit dir ist kein Staat mehr zu machen.Inzwischen hat auch sie sich im neuen Deutschland hervorragend eingerichtet, mit einem Anwaltsbüro in Berlin. In den Forschungsakten von Leipzig tauchen viele als Dopingnutznießer auf, darunter auch Udo Beyer und Wolfgang Schmidt, doch neu ist, daß erstmals Mittel- und Langstreckler aufgeführt sind, etwa Anita Weiß und Frank Baumgartl, die beide bis heute als deutsche Rekordler auf ihren Strecken in den offiziellen Listen stehen.Auch Waldemar Cierpinski, ausgezeichnet mit der Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold, war wie Evelin Herberg-Jahl mit "unterstützenden Mitteln" (UM), also gedopt, zu seinen beiden Olympiasiegen (im Marathonlauf) gelenkt worden. Angesichts der gefundenen Läuferakten gerät auch wieder der Potsdamer Thomas Prochnow (das ist der Mädchenname seiner Frau, den er nach dem Ende der DDR annahm) ins Blickfeld.Die Arbeitsgruppe der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) sucht ihn.Als Ferkl schrieb er seine Dissertation genau zum Thema "Doping und Lauf".Sie ist nie veröffentlicht worden, so daß er den Doktortitel zu Unrecht führt.Mit Datum vom 19.9.1986 war er vom Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport, Abt.Endokrinologie, als Vortragender "der Ergebniskonferenz AR 1" angekündigt worden, unter "LA-Mittelstrecke".Plötzlich tauchte über elf Jahre später Ferkl in einem Beitrag der "Mittelbayerischen Zeitung" auf der Sportseite wieder auf, als "Erfolgstrainer" beim LLC Marathon Regensburg.So fügt sich mit der Zeit doch noch eines zum anderen.

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