Sport : In einem anderen Land

Die Nationalmannschaft kehrt heute zum Spiel gegen Schweden an den Ort zurück, an dem alles begann

Stefan Hermanns[München]

Enttäuschung kann sich manchmal ganz schön nervtötend anhören. Die deutschen Fußball-Nationalspieler haben das vor drei Wochen erlebt. Sie hatten der Fußball-Großmacht Japan gerade in Leverkusen ein 2:2-Unentschieden abgetrotzt, doch als sie nach dem Spiel aus der Kabine zum Bus gingen, erfuhr ihre abschließende Energieleistung mit den beiden späten Toren alles andere als eine wohlwollende Würdigung. Hinter dem Zaun hatte sich eine kleine Fangruppe versammelt, die fortan jedes Mitglied der Nationalmannschaft auf dem Weg in den Feierabend mit demselben monotonen Gesang malträtierte. Oliver Bierhoff tritt aus der Kabine, der Chor ruft: WIE WOLLT IHR DAS SCHAFFEN? Bernd Schneider kommt: WIE WOLLT IHR DAS SCHAFFEN? Tim Borowski erscheint: WIE WOLLT IHR DAS SCHAFFEN? Joachim Löw: WIE WOLLT IHR DAS SCHAFFEN? Und immer so weiter.

Man muss an diese kleine Begebenheit am Rande noch einmal erinnern, um zu begreifen, wie sich dieses Land innerhalb von drei Wochen verändert hat. Ein paar Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft galt es noch als Ausdruck klinsmannschen Hochmuts, überhaupt an den WM-Titel zu denken; jetzt sagt Klinsmann, der Bundestrainer der deutschen Mannschaft, dass ein vorzeitiges Ausscheiden eine Katastrophe sei, „unsere Erwartungen als Fußballnation hören nicht im Achtel- oder Viertelfinale auf“, und niemand hält diese Aussage für anmaßend. Im Gegenteil: Dass die Weltmeisterschaft von nun an mit jedem Spiel für die Deutschen beendet sein könnte, liegt im Moment außerhalb der allgemeinen Vorstellungskraft. „Da denke ich in keinster Sekunde dran“, sagt Klinsmann. „Die Mannschaft hat einen richtig großen Glauben in sich.“

Man kann über das Katastrophenszenario und seine Auswirkungen nur spekulieren. Würde die neue Liebe der Deutschen zu ihrer Nationalmannschaft auch ein Ausscheiden im Achtel- oder Viertelfinale verkraften? Oder wäre im Nachhinein dann doch wieder alles falsch gewesen? Klinsmanns Fitnesstests, das offensive System, sein Vertrauen in die junge Abwehr? Wird sich Christian Wörns endlich wieder zu Wort melden dürfen? Und Sepp Maier?

Heute zum Achtelfinale gegen Schweden kehrt die deutsche Mannschaft ins Münchner Stadion zurück, an jenen Ort also, an dem vor zwei Wochen mit dem Sieg im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica alles begann. Seitdem hat ein nationaler Taumel das Land erfasst. „Von Tag zu Tag steigert sich das“, sagt der Linksverteidiger Philipp Lahm. „Unsere Leistungen werden sehr hoch eingeschätzt.“

Kaum jemand kann das besser beurteilen als Lahm, dessen Leistungen inzwischen am höchsten von allen eingeschätzt werden. Als das Turnier losging, wurde sein Einsatz noch mit einer gewissen Skepsis begleitet, weil er sich in der Vorbereitung am Ellbogen verletzt hatte und immer noch mit einer Schiene am Arm spielen muss. Seit dem 9. Juni, 18.05 Uhr aber ist Lahm auf dem direkten Weg zum Weltstar. Um 18.05 Uhr zog er mit dem Ball von der linken Seite in den costa-ricanischen Strafraum, mit seinem starken rechten Fuß zirkelte er den Ball zum 1:0 für die Deutschen ins Tor. Seitdem kann Lahm eigentlich nichts mehr falsch machen. Selbst seine bisherige Schwäche, dass er als Rechtsfuß meistens mit dem Ball nach innen zieht, anstatt bis zur Torauslinie vorzustoßen und mit links zu flanken, wurde längst zu seiner großen Stärke umgedeutet.

Rudi Völler, Klinsmanns Vorgänger, hat den deutschen Sprichwortschatz einmal um das Bonmot bereichert: Es gibt keine Kleinen mehr. Inzwischen könnte man zu dem Eindruck kommen: Für die Deutschen gibt es keine Großen mehr, niemanden, den diese Mannschaft noch fürchten müsste. Angesichts der veränderten Stimmung im Lande sprach ein brasilianischer Journalist gestern in der Pressekonferenz der Nationalmannschaft von einer Art Wunder. Wie er das denn angestellt habe, wollte er von Klinsmann wissen. „Alles, was wir getan haben, ist arbeiten“, erwiderte der Bundestrainer darauf. „Das ist Teil unserer Kultur und Mentalität.“

Dem Arbeitsethos der Spieler steht die trunkene Ausgelassenheit der Deutschen gegenüber. Die Euphorie wird vor allem von außen an die Mannschaft herangetragen, die Spieler haben nur das getan, was sie tun mussten: Sie haben ihre Spiele gewonnen, gegen Costa Rica, gegen Polen und gegen Ekuador. Ihre größte Prüfung wird nun sein, in der allgemeinen Überdrehtheit die Grenze zwischen Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung nicht zu überschreiten. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür. Die Mannschaft genießt die neue Wertschätzung, und gerade die jungen Spieler profitieren von der Zuversicht, die ihnen entgegenschlägt. „Wir bekommen das ja nur aus dem Fernsehen mit“, sagt Bastian Schweinsteiger. „Aber die Stimmung in den Stadien ist einfach bombastisch. Das ist ein ganz neues Gefühl.“

Klinsmann hat den Faktor Stimmung von Anfang an in sein Konzept einbezogen. Im Idealfall gibt es eine fruchtbare Interaktion zwischen Mannschaft und Publikum, und bisher funktioniert dies. „Die Spieler wissen ganz genau: Das ist ihr Turnier“, sagt der Bundestrainer. Das wird ihnen vor allem vom Publikum im Stadion und auf den Straßen suggeriert. Die deutschen Spieler besitzen im Moment ein gesundes Gefühl der Stärke, mit der sie allen Widrigkeiten trotzen. Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm wurden gestern auf die vermutlich subtropischen Temperaturen angesprochen, die für das Spiel in München vorhergesagt sind. Kein Problem, hat Schweinsteiger signalisiert: „Wir sind ja südländische Typen, wir zwei.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar