Sport : In einer neuen Dimension

Die deutsche 4x100-Meter-Freistil-Staffel der Frauen stellt bei ihrem EM-Sieg einen Weltrekord auf

Frank Bachner[Budapest]

Längst tobten auf der Tribüne die Fans, sie waren aufgestanden, sie brüllten, sie kreischten, sie ließen ihre Sirenen jaulen, sie verwandelten das Schwimmstadion in Budapest kurzzeitig in eine Fußballarena. Aber neben Startblock vier standen Petra Dallmann, Britta Steffen und Daniela Götz wie gelähmt. Sie starrten nur noch auf die Frau, die mit mächtigen Freistilzügen zum Ziel kraulte und dann druckvoll anschlug. Der Eintritt in eine neue sportliche Welt setzt viele Gesetze außer Kraft, die der sofortigen unbändigen Freude zum Beispiel. Erst als auf der Anzeigetafel 3:35,22 Minuten aufleuchtete und eine Sekunde später die Wörter „Neuer Weltrekord“, begannen die drei Schwimmerinnen zu hüpfen.

Die Zeit von 3:35,22 Minuten ist eine große Überraschung, auch wenn das Team schon vor dem Rennen als Goldanwärter galt. Die deutsche 4-x-100-Meter-Freistilstaffel hat gestern die alte Bestmarke von Australien um 72 Hundertstelsekunden verbessert. Platz zwei belegte Holland in 3:37,04 Minuten. „Wir sind jetzt in einer anderen Welt“, sagte Petra Dallmann. Und Annika Liebs sagte: „Ich bin schockiert.“ Der bisherige deutsche Rekord stand bei 3:36,00 Minuten.

Es war ein Rennen der Superlative. Britta Steffen schwamm 52,66 Sekunden, die schnellste Zeit, die jemals über 100 Meter erreicht wurde. Zum Vergleich: Der 100-Meter-Einzel-Weltrekord von Lisbeth Lenton (Australien) steht bei 53,42 Sekunden. Allerdings sind Staffelzeiten immer besser, weil die Reaktionszeit kürzer ist. Trotzdem ist ihre Leistung erstaunlich. „Beim Einzelrennen wird es schwieriger, weil man allein auf dem Block steht“, sagte Steffen, „bei der Staffel ist man vierfach motiviert.“ Sie blieb jedoch bescheiden. „Meine Zeit ist toll, aber der Weltrekord ist ein Teamerfolg.“

Beim Frühstück im Hotel hatten die vier Schwimmerinnen schon spekuliert, dass es mit dem Weltrekord klappen könnte. „Aber man muss das Rennen ja erst noch schwimmen“, sagte Steffen. Eine starke Zeit hat sich schon bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin angedeutet. Das 100-Meter-Freistil-Finale war das schnellste Rennen über diese Distanz, das es jemals bei nationalen Titelkämpfen gegeben hat. Die Addition der vier besten Zeiten (Steffen gewann mit deutschem Rekord von 54,29 Sekunden) ergab 3:38,85 Minuten. Mit dem Bonus der schnelleren Wechselzeiten hoffte der neue Cheftrainer Örjan Madsen für die Staffel auf eine Verbesserung des deutschen Rekords. Aber mit einem neuen Weltrekord hat auch er nicht gerechnet. Ob das auch eine Kampfansage an die Australier sei, wurde er gefragt. „Meine Kampfansage habe ich schon am ersten März bei meinem Amtsantritt gegeben“, sagte der neue Cheftrainer.

Während des Rennes war sich Petra Dallmann, die Startschwimmerin, über ihre Leistung nicht sicher. Die Holländerin Inge Dekker hatte stark begonnen, Dallmann lag zur Wende nur auf Platz zwei. „Ich überlegte, ob ich das Rennen verbummelt hatte“, sagte sie. „Aber dann gab ich noch mal alles.“ Sie schwamm mit 54,53 persönliche Bestzeit. „Das hatte ich mir fest vorgenommen.“ Die junge Daniela Götz kam auf 53,87 Sekunden, für sie eine exzellente Zeit. „Ich hatte mit dem Druck, der von außen kam, überhaupt keine Probleme“, sagte sie. Und dann sprang Steffen ins Wasser. „Als wir 1,9 Sekunden Vorsprung hatten, war mir klar, dass das für den Sieg reichen würde“, sagte Petra Dallmann. Als die Schlussschwimmerin Annika Liebs ins Wasser sprang, waren die Deutschen längst auf Weltrekordkurs.

Nur Minuten vor diesem aufregenden Rennen hatte Nicole Hetzer über 400 Meter Lagen die Silbermedaille gewonnen. Die 27-Jährige vom SV Wacker Burghausen verbesserte mit 4:37,97 Minuten ihren persönlichen Rekord um fast zwei Sekunden. „Endlich eine Einzelmedaille“, sagte Hetzer, „außerdem bin ich meinem Kindheitstraum näher gekommen.“ Sie will irgendwann einmal deutschen Rekord schwimmen. Gold holte die Italienerin Alessia Filippi in 4:35,80 Minuten. Den unglücklichsten Auftritt hatte Antje Buschschulte über 50 Meter Schmetterling. Erst schwamm sie im Vorlauf neuen deutschen Rekord – dann schied sie im Halbfinale nach einem Fehlstart aus.

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