Sport : In Istanbul fiebert man dem Spiel am Samstag entgegen

Thomas Seibert

Das Tor der Tore ist immer noch häufig im türkischen Fernsehen zu sehen. Die Szene, in der Hakan Sükür beim Länderspiel gegen die Deutschen in Bursa vor gut einem Jahr den Ball ins Tor köpfte, erinnert die türkische Fußballnation an einen ihrer größten Triumphe - den Sieg über die Deutschen. Damals feierten die Türken die Nacht hindurch mit Autokorsi und spontanen Jubel-Versammlungen auf den Plätzen der großen Städte. Kneipen und Restaurants, in denen die Fernseh-Übertragung verfolgt werden konnte, waren voll bis auf den letzten Stuhl. Das wird am Sonnabend wieder so sein: Das Rückspiel gegen Deutschland in München steht an, und die Türken fiebern dem entscheidenden Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft entgegen.

Im Münchner Olympiastadion will die Mannschaft von Mustafa Denizli die in der Türkei als "Panzer" bekannten deutschen Spielern das Fürchten lehren. Für Denizli ist das "Spiel des Jahrhunderts" keineswegs eine Auswärtsbegegnung, obwohl es mehrere tausend Kilometer von den türkischen Grenzen entfernt stattfindet. "Wir werden in München von den Rängen herab ganz schön viel Unterstützung erhalten", sagte der Trainer beim Abflug seiner Mannschaft am Montag. "Unsere größte Stütze werden die Auslandstürken sein." Rund 13 000 Karten sollen an Türken gegangen sein, die in Deutschland leben und arbeiten.

Als fußballverrücktes Volk sind die Türken in normalen Zeiten vollends damit beschäftigt, über ihre jeweiligen Lieblingsmannschaften zu diskutieren. Welcher Istanbuler Spitzenmannschaft - Galatasaray, Besiktas oder Fenerbahce - man die Stange hält, ist mitunter wichtiger als die politische Einstellung, das Einkommen oder die soziale Stellung. Doch wenn das Nationalteam antritt, stellen sich die Fans geschlossen hinter die Fahne mit Halbmond und Stern und fiebern mit "unseren Kindern", wie die Nationalmannschaft in den Zeitungen oft genannt wird. Eine Spiel gegen Deutschland ist zudem etwas ganz Besonderes: Die Bundesrepublik gilt in vielen Bereichen als Vorbild für die Türkei.

Minutiös verfolgt die türkische Presse deshalb die Vorbereitung von Denizlis Auswahl auf das große Match. So vermerken die Zeitungen stolz, dass die Spieler bei der Ankunft in München "VIP-Behandlung" erhielten und nicht durch die normale Pass-Kontrolle gehen mussten. Viele Türken kennen die deutschen Ausweiskontrollen an den Flughäfen und die häufig sehr detaillierten Nachfragen der Zollbeamten über Grund und Dauer der Reise aus eigener Erfahrung nur zu genau. Dass die türkische Mannschaft mit einem Bus von Bayern München vom Flughafen ins österreichische Trainingslager fuhr wurde genauso registriert wie die Akribie, mit der die Sicherheitsbeamten am Flughafen vorgingen.

"Wir haben keinen anderen Gedanken als an den Sieg", lautet die Parole Denizlis. Gegen die Deutschen sei ohnehin jeder Spieler hoch motiviert. Zur Besonderheit des Gegners kommt die Bedeutung des Spiels für die heiß ersehnte Qualifikation der Türkei für die Europameisterschaft: Gewinnen die Türken am Sonnabend, sind sie bei der EM-Endrunde im kommenden Jahr in Belgien und Holland dabei. "Das Leben in den einzelnen Klubs ist vergessen", sagt Denizli. "Wir sind in der letzten Kurve, und wir werden diese Kurve auch nehmen."

In der aufkommenden patriotischen Stimmung bemüht sich auch Hans-Peter Briegel um Loyalität. Der ehemalige deutsche Nationalspieler trainiert zur Zeit Besiktas Istanbul. Der türkischen Öffentlichkeit musste Briegel versprechen: "Ich verrate den Deutschen nichts." Im übrigen sei auch er für einen Sieg der Türken, denn wenn die die direkte Qualifikation verpasst würde, müsste die Nationalmannschaft weitere Spiele bestreiten muss, um die EM doch noch zu erreichen. Das wiederum würde für Besiktas neue Verzögerungen in der Meisterschaftsrunde bedeuten. Und das will Briegel ebenso wenig wie die türkische Fußballnation.

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