Sport : In kleiner Münze

Sandra Luzina

Von der Hoffnung handelt dies Buch Vom Glück. Von der Freiheit. Aber auch von der Schwermut. Der Demut.

In „Vierzig Leben“, einer Sammlung von Feuilletons, reiht Navid Kermani 40 Königswörter aus Religion und Philosophie auf wie zu einer Perlenkette – oder einer Gebetsschnur. Der Autor, ein bekannter Islamist, dreht und wendet jeden Begriff – und sieh da, in kleiner Münze ist sie doch zu haben: die Erleuchtung. Zweifler und Verzweifelte, Verzückte und Verzagte begegnen uns in den 40 „Heiligenviten“ aus Köln-Eigelstein. Hier verbinden sich Orient und Okzident auf das Selbstverständlichste. Etwa in Person eines iranischen Kioskbesitzers, der Jesus bei einer Vernisssage im „Planet Büschel“ erblickt haben will. Kermani, der uns in „Das Buch der von Neil Young Getöteten“ den Rockmusiker als Mystiker vor Augen führte, entdeckt im Unscheinbaren und Winzigkleinen einen Abglanz der Unendlichkeit. Unvermutet wird da den Holgers und Christians ein Moment der Gnade zuteil. Ein Biss in den Zeh – beim Sex mit einer Krankengymnastin – versetzt Knut in einen religiös zu nennenden Taumel. Nichts ist zu trivial, um nicht zum Gegenstand einer profanen Epiphanie zu werden. Am Tresen werden Lektionen in Demut gelernt. Das Ausschenken eines Whiskeys – ein sakraler Akt. Und erst der Fußball. Die leidgeprüften Anhänger des 1.FC Köln müssen erfahren, dass es für eine „Bundesliga des Glücklichseins“ nicht reicht. Als der Abstieg unwiderruflich feststeht – ausgerechnet nach einem Sieg über Leverkusen –, beschert das den Verzweifelten einen unverhofftes Gefühl des Friedens.

Der Spötter verbindet sich mit dem Schwärmer bei Kermani. Sein kluges und anmutiges Buch verdichtet sich zu einer Lebenslehre, die den Schmerz nicht betäuben will, die das Glück als Zwilling der Verzweiflung sieht. Die Lektüre bleibt nicht folgenlos. Sie hinterlässt Schwindel im Kopf. Herzklopfen.

Navid Kermani: Vierzig Leben. Erzählungen. Amman Verlag, Zürich. 210 Seiten, 19,90 €.

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