Sport : In kurzen Hosen und mit offenen Haaren

Unter den knappen Beinkleidern werden oft Leggings getragen – Frauenfußball hat in Ägypten noch mit vielen Widerständen zu kämpfen

Andrea Nüsse[Alexandria]

Ihsan Eid Abdel Malek hat das Problem pragmatisch gelöst: Eigentlich trägt die 19-jährige Ägypterin das islamische Kopftuch und lange Hosen oder bodenlange Röcke. Doch beim Fußball ist das eher hinderlich. Und kurze Hosen sind ohnehin Vorschrift. So trägt die schlanke junge Frau weiße Leggings unter den schwarzen Shorts und hat die Stutzen über den Schienbeinschützern etwas höher gezogen. Die Haare werden mit einem schwarzen, eng anliegenden Tuch verdeckt, das im Nacken geknotet ist.

Es lässt Ihsan eher wie eine esoterisch angehauchte Künstlerin als wie eine verschleierte Muslimin aussehen. So stürmt die energiegeladene Frau mit der Nummer sieben auf dem roten, von Puma gesponserten Trikot zum gegnerischen Tor – Ihsan vom Fußballklub Sayyida Zeinab spielt im Kader der ägyptischen Frauen-Nationalmannschaft im Angriff. Angetreten ist die Mannschaft im frisch renovierten Stadion von Alexandria gegen den TSV Ludwigsburg, eine Mannschaft aus der deutschen Oberliga. Unter den Augen der ehemaligen Nationaltrainerin Tina Theune-Meyer und der Dame, die Frauenfußball in Ägypten gegen heftigen Widerstand eingeführt hat: Sahar el-Hawwari. Tina Theune-Meyer, die 2003 die deutsche Mannschaft zum WM-Titel führte, ist nicht nur darüber erstaunt, dass Frauen in einem islamischen Land in kurzen Hosen und viele im Gegensatz zu Ihsan sogar ohne Leggings und mit offenen Haaren spielen. „Dieses Spiel wird live im Fernsehen übertragen, darauf mussten wir in Deutschland lange warten“, sagt Theune-Meyer.

Die Trainerin ist auf Einladung des Goethe-Instituts hier, das im Jahr der WM in Deutschland die universelle Sprache Fußball für den Jugend- und Kulturaustausch nutzen will. Theune-Meyer will mit Ägyptens Team trainieren und in Schulen Mädchen an Fußball heranführen. An der Seite von Sahar el-Hawwari. Die Frau mit der gefönten Fransenfrisur, den dicken Ringen an der Hand und den hochhackigen Krokodillederstiefeln stammt aus einer wohlhabenden Familie, deren Ruf und Reichtum sie in den Dienst des Frauenfußballs gestellt hat.

Mit Hilfe ihres Vaters, der selber Schiedsrichter ist, pfiff sie als erste Frau ihres Landes Fußballspiele. Später fuhr Sahar el-Hawwari mit ihrem Chauffeur übers Land und suchte talentierte Spielerinnen. Etwa 20 Mädchen nahm sie 1993 mit Einverständnis der Familien zu sich nach Hause: Mehrere Jahre lang lebten die Mädchen im Haus und trainierten im Garten und im Stadion. „Ich war der einzige Sponsor für Frauenfußball in Ägypten“, erinnert sich Sahar el-Hawwari lachend. Sie fuhr mit dem Team durchs Land und ließ es bei lokalen Festivals auftreten: „Das wurde im Fernsehen übertragen und zum Gesprächsthema.“

Viele Menschen im fußballbegeisterten Ägypten, dessen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten immer religiös-konservativer geworden ist, hielten die junge Frau für verrückt, ihre Pläne für „unislamisch“. Doch el-Hawwari erreichte, dass die Frauen-WM in Schweden 1995 im Fernsehen übertragen wurde und begleitete die Weltmeisterschaft selbst als Journalistin. Der Durchbruch kam mit der Einführung des Frauenfußballs als olympische Disziplin bei den Spielen in Atlanta 1996: „Danach konnten wir das erste Komitee für Frauenfußball im ägyptischen Verband gründen“, sagt sie. 1999 gründete sie die erste Liga für Frauen. Heute sind es 22 Teams in der ersten und zweiten Frauenliga. Am 20. April beginnt in Kairo der „Arabian Cup“ mit sieben Frauen-Nationalmannschaften.

Die Spiele will sich Mohammed el Said vielleicht im Fernsehen anschauen. Der 45-jährige Mann sitzt zwischen seinen zwei 12- und 14-jährigen Söhnen auf der Zuschauertribüne im Stadion von Alexandria. Die beiden Jungs hätten im Goethe-Institut beim Deutschkurs Freikarten bekommen und ihn mitgenommen „Frauenfußball ist okay“, sagt er locker, „aber ich dachte, die deutschen Frauen spielen besser.“ Seine Frau hat er gar nicht gefragt, ob sie mitkommen wolle. Dabei hat der Afrika-Cup, der im Januar in Ägypten ausgetragen wurde, erstmals massenweise Frauen in Fußballarenen gelockt.

Unten auf dem Rasen ist die junge Ihsan schon ein Star. Einlagen wie Fallrückzieher oder Streit mit der Schiedsrichterin gehören zu ihren Allüren. Obwohl sie aus einer einfachen Familie aus dem Kairoer Stadtviertel Sayyida Zeineb kommt, musste die Sportstudentin nicht für ihre Passion kämpfen: Schon ihre ältere Schwester war im lokalen Klub, der seit sieben Jahren eine Frauenmannschaft hat. Doch ganz kann sie die Tradition nicht hinter sich lassen: Ihr Bruder begleitet sie zum Spiel und mahnt sie danach, rasch in die Umkleidekabine zu gehen.

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