Sport : In letzter Sekunde

Nach einem 19-Punkte-Rückstand wird Alba Berlin durch ein 82:80 gegen Rhein Energie Cologne doch noch Basketball-Pokalsieger

Benedikt Voigt

Berlin. Mithat Demirel dribbelt. 4,6 Sekunden stehen auf der Uhr, 80:80 zeigt die Anzeigetafel. Der Aufbauspieler von Alba Berlin hat den Ball in der eigenen Hälfte von Henrik Rödl zugeworfen bekommen, nun dribbelt er durch die eigene Hälfte verfolgt von seinem Gegenspieler Clint Cotis Harrison. Er dribbelt den Basketball über die Mittellinie, vorbei an Gerrit Terdenge, der sich ihm an der Seitenlinie in den Weg stellt. Er dribbelt vorbei an der Ersatzbank von Rhein Energie Cologne. „Ab der Dreipunktelinie war mir klar, dass ich den Ball nicht mehr passen werde“, wird er später sagen. Am Zonenrand springt er ab, legt sich den Ball auf die linke Hand und lüpft ihn über Vladimir Bogojevic. Auf der Uhr stehen 0,0 Sekunden, die Anzeigetafel zeigt immer noch 80:80. Der Ball ist drin. Nun springt auch die Anzeigentafel um, Alba Berlin gewinnt 82:80.

Alba Berlin ist deutscher Basketball-Pokalsieger 2003. Mithat Demirel hat ein dramatisches Endspiel mit einem Spurt über den Platz und einem Treffer in allerletzter Sekunde entschieden. „Ich wusste, dass 4,6 Sekunden reichen, um zum anderen Korb zu kommen“, erzählte Demirel. Und Teamkollege Henrik Rödl sagte: „Wir wissen alle, dass Mithat einen Turbo hat.“ Mit 17 Punkten und sieben Assists hatte der deutsche Nationalspieler Alba zum vierten Pokalsieg in der Vereinsgeschichte geführt. „Wir haben ihn ja auch lang genug aufgebaut“, sagte Marko Pesic lachend. Der Nationalspieler hatte das Finale wegen eines Mittelhandbruches nur von der Bank aus gesehen. Als die Bilder von Demirels spektakulärem Korb im Vip-Raum der Max-Schmeling-Halle über die Fernseher flimmerten, bekam der 1,80 Meter große Spielmacher einen Sonderapplaus. Doch Demirel blieb bescheiden: „Das ist ein Erfolg der gesamten Mannschaft.“

Es war zwar bereits der vierte Pokalsieg für Alba, dennoch ist er besonders wichtig. „Dieser Titel rangiert bei uns ganz weit oben“, sagte Albas Vizepräsident Marco Baldi. Der Pokalerfolg gibt dem Verein die Genugtuung, die Mannschaft vor Saisonbeginn richtig umgebaut zu haben. „Ich weiß, dass viele in unserem Umfeld nicht an unser Konzept glauben“, sagte Baldi, „aber ich habe immer an unser Konzept geglaubt.“ Abgesehen vom Korac-Cup-Erfolg war es der erste Titel ohne den langjährigen Topscorer Wendell Alexis, den die Berliner vor dieser Saison nicht mehr verpflichten wollten.

Die gesamte übrige Saison war von Verletzungsproblemen beeinträchtigt. „Wir hatten Probleme wie noch nie, aber wie die Mannschaft das alles weggesteckt hat, das zeigt den Charakter dieser Mannschaft“, lobte Baldi. Auch im gestrigen Finale setzten sich die Verletzungsprobleme nahtlos fort. Centerspieler Jovo Stanojevic half seinem Team trotz einer Oberschenkelverletzung mit zehn Punkten und sieben Rebounds. „Dabei ist er erst zu 50 Prozent fit“, sagte Demirel. Im Finale knickten sowohl Kevin Rankin als auch Vladimir Petrovic um. Beide spielten weiter, dem Jugoslawen gelangen sogar 18 Punkte und zehn Rebounds. Henrik Rödl hatte sich im zweiten Viertel den kleinen Finger ausgerenkt, es war eine äußerst schmerzhafte Verletzung. Albas Arzt Gerd-Ulrich Schmidt renkte den Finger wieder ein und sagte: „Heute gibt es keine Schmerzen.“ Auch Rödl spielte weiter.

Das war die große Qualität von Alba Berlin gestern: der Kampfgeist. Das Team verkraftete sogar, dass es nach sechs Minuten mit 2:21 zurücklag. „Ich auch da schon an unseren Sieg geglaubt“, sagte Demirel. In dieser Saison haben die Berliner bereits einige Spiele gewinnen können, bei denen sie in der ersten Halbzeit weit zurücklagen. Kölns Aufbauspieler Harrison war mit 16 Punkten in der ersten Halbzeit dafür verantwortlich, dass sein Team zur Pause noch mit fünf Punkten führte. „Da sind wir schon ein bisschen nervös geworden“, bekannte Kölns Centerspieler Stephen Arigbabu. In der 22. Minute gingen die Berliner durch einen Wurf von Teoman Öztürk zum ersten Mal in Führung: 49:47. Die harte Mannverteidigung der Berliner bereitete Köln zunehmend Schwierigkeiten, und Demirel traf jetzt auch aus acht Metern Entfernung in den Korb. Er harmoniert inzwischen besser mit Albas US-Amerikaner DeJuan Collins, der 15 Punkte erzielte.

Im abschließenden Viertel führte Alba vier Minuten vor dem Ende mit sechs Punkten, doch Köln ließ sich nicht abschütteln, Spielmacher Sasa Obradovic, der in der gesamten zweiten Halbzeit mit drei Fouls spielte, brachte sein Team wieder heran. Kölns Aufbauspieler Vladimir Bogojevic traf in den Schlusssekunden einen Freiwurf zum 80:78. Doch ausgerechnet der Routinier Henrik Rödl leistete sich noch einen folgenschweren Fehler. Trainer Emir Mutapcic hatte ihn in der Schlussphase eingewechselt, weil Petrovic sich in der Offensive zweimal verzettelt hatte. „Rödl hat solche knappen Situation schon viele Male erlebt“, erklärt Mutapcic. Diesmal aber warf Rödl seinen Einwurf direkt ins Aus. Köln hatte plötzlich wieder eine Chance zum Ausgleich – und nutzte sie. Obradovic, der insgesamt 24 Punkte und fünf Assists sammelte, warf den Ball 4,6 Sekunden vor dem Ende in den Korb: 80:80.

Dann kam Demirel.

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