Sport : In neuem Licht

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Von Robert Ide

Berlin. Nun ist Jan Ullrich auch ein Fall für die Justiz. Nach dem Geständnis des Radprofis, bei einem Diskobesuch zwei Tabletten mit Amphetaminen genommen zu haben, ermittelt die Staatsanwaltschaft München. Denn Ullrich könnte – etwa mit der Einnahme der Aufputschdroge Ecstasy – gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen haben. Dass Ullrich tatsächlich verurteilt wird, ist allerdings fraglich. Besitz und Verbreitung von Rauschmitteln sind zwar untersagt, der Konsum geringer Mengen wird aber nicht geahndet. Erst der Verdacht auf den Besitz größerer Mengen oder den Handel mit Drogen führt zu strafrechtlichen Konsequenzen oder zumindest zu einem langwierigen Gerichtsverfahren – wie im Fall des Fußballtrainers Christoph Daum, der wegen Kokainmissbrauchs angeklagt worden war. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldstrafe eingestellt.

Bei Sportlern geht der Missbrauch oft über Drogen hinaus. Bei den spektakulärsten Dopingfällen der letzten Jahre, etwa denen des Skifahrers Johann Mühlegg oder des Ringers Alexander Leipold, standen leistungsfördernde Medikamente wie Epo, Nandrolon oder Darbepoetin im Blickpunkt. Bei diesen Mitteln ist die gesetzliche Lage unübersichtlich.

Derzeit wird das Dopen durch das Arzneimittelgesetz, das Betäubungsmittelgesetz und das Strafrecht sanktioniert. Die Weitergabe von Dopingmitteln durch Trainer und Ärzte kann strafrechtlich verfolgt werden, zuständig sind die Staatsanwaltschaften der Bundesländer. Besitz und Einnahme von Dopingmitteln stehen allerdings nicht unter Strafe.

Maßgebliche Politiker der rot-grünen Regierungskoalition sind deshalb für ein neues Anti-Doping-Gesetz, das die bisherigen Regelungen bündelt und den sportlichen Betrug bestraft. Einer der Fürsprecher ist der radsportbegeisterte Verteidigungsminister Rudolf Scharping. „Ich halte ein Anti-Doping-Gesetz aus Gründen des Gesundheits- und Wettbewerbsschutzes für unabweisbar“, sagte Scharping, der innerhalb der SPD für Sportpolitik zuständig ist, erst vor drei Wochen. Auch die sozialdemokratische Expertin im Bundestag, Dagmar Freitag, ist für ein Gesetz: „Am Fall Ullrich sieht man, dass sich das Thema Doping nicht von selbst erledigt“, sagte Freitag dem Tagesspiegel. Auch der Grüne Winfried Hermann meint: „Der Fall Ullrich hat gezeigt, dass die Kontrollen besser werden. Doch wir brauchen klare Regeln und Sanktionen für alle.“ Nach der Wahl wollen die Fraktionen von SPD und Grünen den nächsten Anlauf für ein Gesetz unternehmen, nach den Worten von Freitag soll es dabei „eine einvernehmliche Lösung mit dem Sport“ geben.

In den Sportverbänden hat inzwischen ein Umdenken eingesetzt. Ulrich Haas, Chef der Anti-Doping-Kommission des Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees, hatte sich im März erstmals öffentlich für ein neues Gesetz ausgesprochen. Der Medikamentenmissbrauch im Freizeit- und Fitnesssport könne durch die bisherigen Regelungen „nur bedingt erfasst werden“ und bedürfe „einer Ergänzung durch den Gesetzgeber“, sagte Haas im Bundestag. Auch Clemens Prokop, Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, hält die bisherigen Methoden der Dopingbekämpfung für „nicht ausreichend“. Derzeit fahnden die Verbände mit Urin- und Blutkontrollen nach Dopingspuren. Viele verbotene Substanzen sind damit aber nicht nachweisbar – in Italien darf die Polizei deshalb Razzien in Trainingslagern durchführen.

Die Gegner eines neuen Gesetzes verweisen auf die Autonomie des Sports. „Der Sport soll das Problem allein regeln“, sagt CDU-Sportexperte Klaus Riegert. Seine Begründung: „Eine Geld- oder Bewährungsstrafe ist nicht so abschreckend wie eine Wettkampfsperre.“ Neben diesem Argument gibt es auch verfassungsrechtliche Bedenken. Diese lauten: Wenn ein Sportler dopt, schadet er sich selbst, und das kann nicht bestraft werden.

Auch das für Sport zuständige Innenministerium von Otto Schily (SPD) steht einem neuen Gesetz skeptisch gegenüber. Derzeit lässt das Ministerium prüfen, ob die Regelungen im Arzneimittelgesetz greifen. Das ist allerdings schwierig, da sich noch nicht alle Bundesländer an der Überprüfung beteiligt haben. Angesichts der schleppenden Analyse der Dopingpraxis geriet Sportminister Schily mehrmals unter Druck. Innerhalb der rot-grünen Koalition wurde seinem Ministerium vorgeworfen, es verzögere die Verabschiedung eines Gesetzes. In Koalitionskreisen ist von einer Absprache zwischen Schily und dem Chef des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, die Rede, auf ein Gesetz zu verzichten. Von Richthofen hatte sich stets gegen eine Kriminalisierung des Sports ausgesprochen.

Nach der Wahl wird der Streit weitergehen. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wurde bereits mit dem Thema konfrontiert. In der vergangenen Woche sprachen sich die Leichtathleten Nils Schumann und Heike Drechsler bei einem Empfang im Kanzleramt für ein Anti-Doping-Gesetz aus.

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