Sport : In Schümanns Schatten

Auch Tim Kröger kämpft für ein deutsches Segel-Großprojekt

Sina Steinmann

Berlin. Jochen Schümann kommt, sieht und siegt. So ist es meistens, wenn Deutschlands erfolgreichster Segler aller Zeiten auf dem Wasser im Einsatz ist. Was er anfasst, wird Gold. Oder ein Sieg im America’s Cup wie am 2. März 2003 vor Auckland. Schümann ist der Übersegler, der aber erst als Sportdirektor und Stratege der internationalen Segel-Supermacht Alinghi das wurde, was er heute ist: ein deutscher Profi-Segler, der als Diplom-Sportlehrer seine Fähigkeiten glänzend umsetzt.

Doch da gibt es einen, der lange vor Jochen Schümann als erster deutscher Segler offiziell den hierzulande bis heute ungewöhnlichen Wechsel ins Profilager gewagt hat: Tim Kröger ist seit 1994 offiziell Berufssegler. „Ich habe nach meiner ersten Weltumseglung 1994 aus meiner Berufung einen Beruf gemacht, weil Segeln das war, was ich am besten konnte“, sagte Kröger. Auch er segelte bei der 31. Auflage um den America’s Cup, musste aber mit dem budgetschwachen französischen Syndikat Le Défi im Viertelfinale die Segel streichen. Also drückte Kröger stattdessen Landsmann Schümann die Daumen, gegen den er als Mitglied im DSV-Olympiakader und Vorschoter von Thomas Jungblut schon in den Achtzigerjahren in der Soling antrat und – meist verlor.

Der Hamburger hat es in den vergangenen zehn Jahren mit Können und Charisma verstanden, sich in der internationalen Segelszene zu etablieren. Nicht als Star-Steuermann oder Olympiasieger, sondern als vielseitig einsetzbarer Allrounder. Er umsegelte die Welt zweimal, war Mumm-36-Weltmeister, wurde vom US-Abenteurer Steve Fossett für dessen Maxi-Katamaran PlayStation angeheuert und arbeitete zuletzt zwei Jahre für das französische America’s-Cup-Syndikat Le Défi. Reichtümer haben sich dabei nicht angehäuft, doch der ehemalige BWL-Student verdient als Segler, Trainer, Redner oder auch mal als TV-Kommentator ganz gut.

Natürlich verlief die Segelkarriere nicht immer einfach, denn was Neuseeländern, Briten, Amerikanern oder Franzosen im Profi-Zirkus weiterhilft, fehlte Kröger: ein Netzwerk von Landsleuten, die sich gegenseitig weiterhelfen. Statt jedoch aufzugeben, spricht er heute fließend Englisch und Französisch und hat sich vorerst damit arrangiert, sein Geld vor allem im Ausland zu verdienen. Eine Situation, die auch Jochen Schümann kennt. Als der Weltsegler von 1996 im Jahr 2000 mit der damals krisengeschüttelten Schweizer Be Happy erstmals beim America’s Cup antrat, tat er das mit der Erkenntnis: Da muss der Prophet wohl erst ins Ausland gehen, um daheim gehört zu werden. Was folgte, ist längst in den Segelbüchern verewigt: Bei seinem zweiten Anlauf gewann Schümann als erster Deutscher die älteste Sporttrophäe der Welt.

Inzwischen wird Schümann gehört wie kein anderer, ist ein begehrter Berater, Redner oder VIP-Gast bei hochkarätigen Veranstaltungen. Nur sein letztes großes sportliches Ziel, ein deutsches America’s-Cup-Projekt zu formieren, ist noch unverwirklicht. „Wenn es einer schafft, dann Jochen“, sagt Kröger. Insbesondere in Deutschland, wo man viel für Extreme übrig hat, ist bislang jede Sportart mit ihren Helden groß geworden. So war es im Tennis mit Boris Becker und Steffi Graf. Oder im Golf mit Bernhard Langer. „Jochens Erfolge tun dem Segelsport gut“, sagt Kröger.

Sein vermeintliches Profi-Dasein im Schatten Schümanns sieht Kröger ganz anders: „Ich kann mich über mangelnde Medienaufmerksamkeit nicht beklagen. Und dass Jochen Star-Status genießt, ist hoch verdient. Er ist ein Ausnahme-Segler. Im Übrigen sind Jochen und ich zwar grundverschieden in unseren Anlagen und Stärken, aber uns eint mehr, als manch einer glaubt.“ Auch Kröger kämpft für ein deutsches Segel-Großprojekt. Dabei hat der Allrounder nicht nur den America’s Cup, sondern – seiner Leidenschaft für Hochseeregatten entsprechend – auch das Volvo Ocean Race im Visier.

Schümann und Kröger tauschen sich regelmäßig über Neuigkeiten aus der deutschen Segelszene und interessierten Wirtschaftskreisen aus. Beide sind der Überzeugung, dass nur ein großes Regatta-Projekt in den richtigen Händen dafür sorgen würde, dem seglerischen Nachwuchs in Deutschland Perspektiven und die damit verbundene Motivation zu bieten. „Ich bin ein loyaler Teamplayer, wenn es darum geht, ein Ziel zu verfolgen, und ich weiß, was ich kann“, sagt Kröger, „wenn es uns also irgendwann gelingt, eine wirklich große Kampagne in Deutschland zu initiieren, auf deren Flagge Schümann steht, werde ich sie gerne mittragen.“

Kröger startete übrigens gerade beim Spring Battle, der Matchrace-Regatta auf dem Wannsee. Da schied er in der Qualifikation aus. Schümann dagegen zog ins Finale ein und gewann dort.

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