Sport : In unglaublichen Sphären

100-Meter-Olympiasieger Bolt verstärkt durch den Fabel-Weltrekord von 9,69 Sekunden das Misstrauen

Friedhard Teuffel[Peking]

Peking - Erst rannte Ausreißer Usain Bolt über die Linie, dann kam das Feld der Verfolger. Mit großem Vorsprung hat der 21 Jahre alte Jamaikaner Bolt das olympische Finale über 100 Meter gewonnen. Der schnellste Mann der Welt war er vorher schon, er hielt mit 9,72 Sekunden den Weltrekord. Den hat er gestern noch einmal verbessert, auf 9,69 Sekunden. „Ich wusste bis zum Schluss nicht, dass ich den Weltrekord brechen würde. Mein Ziel war, hier zu gewinnen und ich habe das getan“, sagte er.

Es war ein Finish im Stil von Ben Johnson. So wie der Kanadier 1988 in Seoul schon vor dem Ziel triumphierend den Arm nach oben gerissen hatte, so breitete nun Usain Bolt ein paar Meter vor der Ziellinie seine Arme aus und schlug sich dann mit der rechten Hand auf die Brust. Wie Johnson lief auch Bolt gestern nicht in vollem Tempo zu Ende, sondern bremste vor dem Ziel ab. Der in Jamaika geborene Johnson wurde des Dopings überführt, Bolt trägt nun die Verantwortung mit sich herum, das faire Zustandekommen seiner Leistung zu beweisen. Das wird ihm auf jeden Fall schwerer fallen als dieses Rennen.

Die Sekunden vor dem Start. Die Stadionsprecher stellen die Athleten vor, Bolt macht ein paar Faxen, sein Landsmann und Konkurrent Asafa Powell lächelt milde. Nach der Hälfte der Wegstrecke ist das Rennen noch offen. Doch spätestens nach achtzig Metern verfliegt die Spannung, von einem Duell ist nichts zu sehen, von einem Dreikampf schon gar nicht. Asafa Powell, der konstanteste Läufer der vergangenen beiden Jahre, kommt nicht so richtig voran. Er beendet das Rennen als Fünfter in 9,95 Sekunden. „Ich bin wirklich geschockt, dass ich keine Medaille gewonnen habe. Wenn ich Zweiter geworden wäre, dann wäre ich jetzt glücklich. Aber ich war sehr müde, meine Beine waren tot.“ Er hatte in diesem Jahr eine längere Verletzungspause eingelegt. Hinter Bolt kommen Richard Thompson aus Trinidad und Tobago in 9,89 Sekunden und der Amerikaner Walter Dix in 9,91 Sekunden als Zweiter und Dritter ins Ziel. Für beide ist es eine persönliche Bestzeit.

Von drei Favoriten waren ohnehin schon nach dem Halbfinale nur noch Bolt und Powell übrig geblieben. Weltmeister Tyson Gay verpasste überraschend den Endlauf – um ein Hundertstel. Oft geben die schnellsten Sprinter der Welt in den Läufen vor dem Finale nicht alles, sie schonen sich. Nicht so Tyson Gay. Er rannte voll durch – trotzdem reichte es nicht. Er brauchte 10,05 Sekunden, eine ausgesprochen menschliche Zeit. Hinterher wirkte er ratlos: „Ich weiß nicht, ich habe mein Bestes gegeben. Mehr konnte ich nicht machen“, sagte er. Und auch seine Oberschenkelverletzung vor sechs Wochen bei der amerikanischen Olympiaqualifikation sei keine Erklärung. „Ich habe keine Entschuldigungen.“

Usain Bolt hatte dagegen schon im Halbfinale mit 9,85 Sekunden angedeutet, wie schnell er später im Finale rennen könnte. Auch Powell gewann sein Halbfinale und brauchte dafür 9,91 Sekunden. Vier Hunderstel weniger als im Finale. Gut möglich, dass ihm der Druck zu viel geworden ist. Vor dem Rennen hatte der Sprinter gesagt: „Wenn ich führe, dann gewinne ich auch.“ Doch Powell lag nicht in Führung, sondern war umzingelt von gleich schnellen Sprintern. Usain Bolt war da längst enteilt. Und so alleine wie Bolt auf den letzten Metern gerannt war, so alleine feierte er auch im Anschluss auf der Bahn, begleitet nur von einer jamaikanischen Flagge und seinen goldenen Schuhen.

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