Sport : In viereinhalb Minuten zum Ruhm

Stefan Lindemann zeigt die beste Kür, die je ein deutscher Eiskunstläufer geboten hat

Frank Bachner

Dortmund. Nach der Siegerehrung hatte der kleine Mann die Bühne für sich allein. Die Strahler an der Hallendecke zeichneten in der Dunkelheit rotierende, gelbe Kreise aufs Eis. Über diese Kreise glitt Stefan Lindemann mit ausgebreiteten Armen, bis er in der Mitte schließlich verharrte. Nur seine Silhouette zeichnete sich jetzt ab, und in diesem Moment wirkte Stefan Lindemann aus Erfurt, 1,63 Meter klein, erhaben und majestätisch. Dann verneigte er sich, genau in der Geschwindigkeit, in der auch erfahrene Stars Huldigungen entgegen nehmen. 9000 Menschen in der Dortmunder Westfalenhalle waren aufgestanden und klatschten. Stefan Lindemann war nur Dritter geworden bei der Eiskunstlauf-WM, aber dieser Beifall gehörte ihm allein. Jewgeni Pluschenko, der Weltmeister, war schon in der Kabine verschwunden, Brian Joubert, der Zweite, stand im Dunkeln an der Bande und redete.

Eine Minute zuvor hatten sie noch zu dritt auf einem blauen Teppich gestanden, der auf dem Eis ausgerollt worden war. Sie hatten den Zuschauern gewunken, Pluschenko, der dreimalige Weltmeister, und Joubert, der Europameister, hochzufrieden, aber auch abgeklärt, der kleine Lindemann jedoch verlegen – als gehöre er eigentlich nicht hierher.

Jeder Experte hatte vor der Kür geglaubt, dass Stefan Lindemann keine Medaille gewinnen würde. Nicht Lindemann, der kleine Deutsche, selbst wenn er nach dem Kurzprogramm Platz drei belegt hatte. Vermutlich war Lindemann erst auf dem blauen Teppich aus seinem Rausch erwacht, in den er sich zuvor gelaufen hatte. „Der ist wie im Rausch gelaufen“, hatte seine Trainerin Ilona Schindler gesagt. Er hatte die beste Kür geboten, die je ein deutscher Eiskunstläufer gezeigt hat, in einer Atmosphäre, die Reinhard Mirmseker, der Präsident der Deutschen Eislauf-Union (DEU), „so grandios in 30 Jahren noch nie erlebt hat“, in einem Wettkampf, „dessen hohes Niveau unfassbar war“, wie Schindler sagte. Am Donnerstagabend stieg Stefan Lindemann in viereinhalb Minuten zum Weltklasseläufer auf.

Als Vorletzter musste er aufs Eis. Zuvor lief Stephane Lambiel, der Schweizer. Seine Pirouetten waren Kunstwerke. Seine Ausstrahlung war grandios. Viele Zuschauer standen auf und jubelten. Dann kam Joubert. Seine Sprünge waren nahezu perfekt. Ilona Schindler sah alles an einem Fernseher in den Katakomben und dachte, „hoffentlich kommt der Stefan irgendwie noch durch und wird Sechster“. Dann lief Lindemann. Bei der Kombination griff er kurz aufs Eis, die restlichen Sprünge aber lieferte er in einer Perfektion, die er zuvor noch nie erreicht hatte. Nach acht dreifachen Sprüngen und dem vierfachen Toeloop tobte die Halle. Die Noten, zwölfmal die 5,8, einmal die 5,9. Er lag auf Platz zwei, und nur Pluschenko musste noch laufen. Stefan Lindemann aus Erfurt hatte in dieser Sekunde eine Medaille sicher. 21 Jahre nach dem WM-Silber von Norbert Schramm. Pluschenkos Leistung spielte in einer eigenen Eiskunstlauf-Welt, auch wenn er einmal patzte. Er gewann den Titel. „So hart habe ich noch nie für einen WM-Titel arbeiten müssen“, sagte Pluschenko. Neben ihm saß Lindemann, in sich gekehrt, mit trotziger Miene, als schwebte er gedanklich noch über das Eis. Pluschenko sagte: „Stefan hat einen guten Job gemacht.“ Lindemann zuckte, als ob er gerade aus seinen Gedanken gerissen worden wäre. Herr Lindemann, ist Bronze eine Genugtuung nach der ganzen Kritik? „Ach, ich weiß nicht. Ich habe mich einfach sehr gut gefühlt.“

Diese Reaktion passt zu Lindemann. Er hat nicht die Ausstrahlung eines Pluschenko oder Lambiel. Die künstlerischen Elemente auf dem Eis hat er sich hart antrainiert. „Er muss noch an seinem Ausdruck arbeiten“, sagt DEU-Chef Mirmseker, ein langjähriger internationaler Preisrichter. „Seine Pirouetten müssen besser werden, seine Schrittfolgen auch.“ Dortmund ist der Beweis, dass Lindemann zu Weltklasseleistungen fähig ist, ein stabiler Weltklasseläufer ist er aber eigentlich noch nicht. Andererseits ist er jetzt jemand, der bei einer WM Platz drei erreichte. „Die Preisrichter schätzen ihn jetzt anders ein“, sagt DEU-Sportdirektor Udo Dönsdorf. Und die Erwartungen steigen. „Natürlich ist für einen WM-Dritten eine Olympiamedaille 2006 ein Thema“, sagt Dönsdorf.

Immerhin: Der WM-Dritte wurde nach Mitternacht etwas lockerer. Da trabte er hinter Paarlauf-Trainer Ingo Steuer zum Ausgang der Westfalenhalle – mit einer Flasche Champagner in der Hand.

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