Sport : In Würde altern

Portugals Trainer Scolari geht als aufrechter, aber doch geschlagener Mann

Sven Goldmann[Basel]

Kurz vor der Halbzeitpause macht Michael Ballack eine Atem raubende Bekanntschaft mit dem Arm des Portugiesen Pepe. Ballack liegt am Boden, er ringt nach Luft, aber die Portugiesen denken gar nicht daran, das Spiel zu unterbrechen. Erst als die Pfiffe der Zuschauer immer lauter werden, spielt Deco den Ball widerwillig ins Aus. An der Seitenlinie baut sich Luiz Felipe Scolari auf, er gestikuliert wild und stößt Flüche aus gegen den röchelnden Deutschen.

In der kommenden Saison wird Scolari Ballacks Trainer beim FC Chelsea sein, aber die kommende Saison interessiert ihn jetzt so überhaupt nicht. Noch ist der brasilianische Fußballtrainer Portugiese, mit Herz und Kopf und Leidenschaft. In solchen Momenten kann Luiz Felipe Scolari sehr unangenehm sein. Vor einem Jahr hat er den Serben Ivica Dragutinovic mit einem Faustschlag knapp verpasst, und die portugiesischen Spieler hatten einige Mühe, ihren Trainer von weiteren Handgreiflichkeiten abzuhalten.

Scolari kann aber auch den Gentleman geben, den charmanten Plauderer und fairen Verlierer. Eine halbe Stunde nach seinem letzten Spiel als portugiesischer Nationaltrainer referiert er bemerkenswert sachlich über die Gründe einer Niederlage, die nicht nur in Portugal kaum jemand erwartet hat: Die Deutschen hatten Vorteile bei ruhenden Bällen und Standardsituationen, bei den Portugiesen stimmte die Zuordnung in der Abwehr nicht, und auch seinem künftigen Angestellten Ballack widmet Scolari in dieser Abschiedsrede einen Absatz: „Die Fernsehbilder zeigen eindeutig, dass Ballack vor dem dritten Tor ein Foul begangen hat. Das heißt nicht, dass wir deswegen verloren haben. Vielleicht wäre das Spiel auch 1:2 ausgegangen. Aber ein Foul muss geahndet werden.“

Es gibt Trainer bei der EM, die hätten diese korrekte Analyse anders verpackt. In eine Anklage gegen den Schiedsrichter, eine Verschwörungstheorie oder mindestens ein Lamento gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt. Scolari widersteht dieser Versuchung, trotz der Niederlage in diesem für ihn so wichtigen Spiel. Er hat Portugal mindestens das Halbfinale versprochen, aber insgeheim auf den Titel hoffen lassen. Ein Abschiedsgeschenk nach fünfeinhalb Jahren als Trainer, der erfolgreichsten Epoche des portugiesischen Fußballs seit den Zeiten Eusebios vor 40 Jahren. Scolari hat das Versprechen nicht halten können, er übernimmt die Verantwortung: „In so einem Fall ist der Trainer Schuld. Er wählt die Spieler aus, er bestimmt die Taktik.“ Er spricht nicht mit hämischem Unterton, wie es Otto Rehhagel gern tut. Sondern offen und traurig, „es schmerzt mich, dass wir nicht erreicht haben, was wir hätten erreichen können. Ich bin trotzdem stolz auf meine Spieler, sie haben Portugal würdig vertreten.“

Immer wieder habe Scolari vor der deutschen Stärke bei Freistößen gewarnt, sagt Cristiano Ronaldo. „Wir dachten, wir wären darauf vorbereitet, aber wir waren es nicht.“ Die Sportzeitung „O Jogo“ machte daraus die reichlich zugespitzte These: „Scolari wurde von seinen Burschen verraten!“ Auch dies ein Kompliment für den Trainer aus dem ungeliebten Brasilien. Scolari hat kämpfen müssen um Akzeptanz. Als er seinen Landsmann Deco für die Nationalelf einbürgerte, begehrte sogar der portugiesische Nationalheld Luis Figo auf. Scolari hat sich durchgesetzt, unter ihm ist Portugal wieder eine Fußball-Weltmacht geworden, vor vier Jahren EM-Zweiter, 2006 WM-Vierter. Für diesen Sommer war die Krönung geplant.

Nun geht er als aufrechter, aber doch geschlagener Mann. „Portugal wird immer in meinem Herzen bleiben“, sagt Scolari. Zum Abschied bleibt ihm die schmerzhafte Erkenntnis, dass er die mit dem meisten Talent gesegnete Mannschaft nicht zu einem angemessenen Ergebnis geführt hat. Eine perfekte mentale Vorbereitung für die Arbeit beim FC Chelsea.

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