Sport : Ingenieur in Rosa

Mit kühler Berechnung dominiert Basso den Giro

Tom Mustroph[Mailand]

Die drei Tage im Hochgebirge hatten Cadel Evans systematisch zermürbt. „Ich bin enttäuscht. Ich kann nicht mehr“, stöhnte der Australier, nachdem er drei Minuten auf Ivan Basso verloren hatte. Auch für Alexander Winokurow erwiesen sich die Berge des Giro wie erwartet als zu steil. „Ich habe gekämpft, aber meine Muskulatur ist für diese Bedingungen nicht gemacht“, sagte der Kasache. Und Überraschungsmann David Arroyo, dank einer Massenflucht von 56 Mann zwischenzeitlich an die Spitze des Klassements gespült, hat nur noch einen Podiumsplatz im Auge. Sie alle waren am Freitag daran gescheitert, den überragenden Mann des diesjährigen Giro d’Italia zu bezwingen: Ivan Basso steuert vor dem abschließenden Zeitfahren am Sonntag seinem zweiten Triumph nach 2006 entgegen. Daran änderte auf der vorletzten Etappe am Samstag auch der Erfolg des Schweitzers Johann Tschopp vor Evans nichts mehr.

Anders als vor vier Jahren, als Basso durch seine gnadenlos ausgespielte individuelle Überlegenheit den wenig schmeichelhaften Beinamen „Ivan der Schreckliche“ erwarb, platzierte er sich dieses Mal mit der kühlen Berechnung eines Ingenieurs an der Spitze. Er sorgte für einen Kulturwandel im italienischen Radsport. Während es frühere Stars wie Marco Pantani und Gilberto Simoni auszeichnete, das direkte Duell zu suchen und entweder glorios zu siegen oder spektakulär unterzugehen, spielte Basso geschickt die Stärken seiner Mannschaft aus. Der Liquigas-Zug donnerte über jeden Berg dieses Giro d’Italia und hängte Serpentine für Serpentine die ermüdeten Konkurrenten wie havarierte Waggons ab. „Die Mannschaft hat sensationell gearbeitet. Jeder wusste, an welchem Anstieg er welches Tempo gehen musste“, lobte Basso seine Kollegen.

Im heißblütigen Radsportland Italien hat er die Art von Taktikspiel salonfähig gemacht, die er zuerst bei Bjarne Riis und später bei Johan Bruyneel erlernt hat. Ob sich der ehemalige Kunde des Dopingarztes Eufemiano Fuentes dabei derselben pharmazeutischen Mittel bedient wie Riis während dessen aktiver Zeit und wie Bruyneel dies laut Vorwürfen von Floyd Landis als Rennstallchef befürwortete, bleibt derzeit unbeantwortet. Bassos physiologische Leistungen bei diesem Giro liegen um rund 15 Prozent unter denen im Jahre 2006. Seine Blutwerte sind so sehr im Normbereich, dass UCI-Präsident Pat McQuaid ihn schon zum „hundertprozentig sauberen Fahrer“ ausrief. Das ist eine mutige Schlussfolgerung.

Die Werte lassen offen, ob er nur gut dosiert oder wirklich ohne unerlaubte Hilfe fährt.

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