Sport : Intellektueller in Badehose

Schwimmer Deibler steht sich mitunter im Weg

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Fertig zum Einsatz. Steffen Deibler triumphierte über die 50-Meter-Strecken. Foto: dpa
Fertig zum Einsatz. Steffen Deibler triumphierte über die 50-Meter-Strecken. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Berlin - Steffen Deibler hat keine Uhr, Steffen Deibler hat sein Gefühl. Es signalisiert ihm, dass er vor genau zehn Minuten aus dem Becken geklettert oder aus dem Kraftraum gelatscht ist, dass auf jeden Fall seit zehn Minuten Trainingsende ist. Jetzt, befiehlt ihm sein Gefühl, jetzt musst du etwas essen. So macht er das immer. Ein Ritual, zuverlässig wie eine Atomuhr. So ist Steffen Deibler, Freistil- und Schmetterlingsschwimmer. Er rattert seine Frequenzen runter, zählt eigene Zeiten und die der Gegner auf, in einem Fitnessmagazin hat er mal seinen täglichen Ernährungsplan abgedruckt, detailliert bis zum letzten Müslikrümel. Alles im Leben des Steffen Deibler ist organisiert. Ein Intellektueller in Badehose, keiner der Sprücheklopfer, ein Analytiker. „Er hat gerne alles unter Kontrolle“, sagt Dirk Lange, der Bundestrainer.

Da beginnt das Problem des Steffen Deibler, 22, Student in Hamburg. Als er Rennen kontrollierte, als er noch als Jugendlicher schwamm, da „war er eine Granate“ (Lange). Deibler wurde viermal Junioren-Europameister, er galt als Riesentalent. „Diese Kontrolle war sofort weg, als er zu den Erwachsenen kam“, sagt Lange.

Jetzt sucht er seinen Platz in einer Welt, in der die coolen Jungs mit ihren Olympiaerfolgen ihre Psychotricks einsetzen, wo Leute wie Michael Phelps einen blonden Typen aus Germany, der wenig vorzuweisen hat, so lässig behandeln wie eine Fliege auf dem Oberarm. Der frühere Star ist jetzt nur Mitläufer, damit kommt Deibler noch nicht wirklich klar. Im internationalen Spitzenfeld interessiert keinen, dass er Deutscher Meister war über 100 Meter Freistil (2008) und über 50 Meter Freistil (2009). In Berlin wurde er gerade mit den Titeln über 50 Meter Freistil und 50 Meter Schmetterling dekoriert. EM, WM, Olympia, da schälen sich die echten Stars heraus. Und Deibler? Olympia 2008: die Plätze 33 und 38. WM 2009: Platz 22 über 100 Meter Freistil. In solchen Momenten erinnert Deibler an den Stürmer, der das Tor nicht trifft, weil er zu viel nachdenkt.

„In Deutschland hat er den Durchbruch längst geschafft, international hat er sein Können erst angedeutet“, sagt Lange. „Da muss noch das gute Ergebnis unter harten Bedingungen kommen.“ In Berlin, beim Weltcup 2009, da waren die Bedingungen zumindest einigermaßen hart, da schwamm Deibler über 50 Meter Schmetterling direkt neben dem südafrikanischen Star Roland Schoemann. Mann gegen Mann, Deibler gewann mit Weltrekord; sein größter Erfolg bisher. Aber halt auf der Kurzbahn, die genießt nicht die Reputation des 50-Meter-Beckens. Es war Deiblers zweiter Weltrekord in kurzer Zeit über diese Strecke.

Aber Deibler ist noch nicht soweit wie Paul Biedermann. Sie waren mal die gleichen Typen. Der erwachsene Biedermann wollte auch mit seinen Gegnern spielen, so wie er das als Jugendlicher gemacht hatte. Die Gegner spielten sehr bald mit ihm. Inzwischen hat Biedermann den Superstar Phelps abgehängt. Er beißt sich in Duelle rein, deshalb.

Gestern hieß sein Gegner im Kampf Bahn an Bahn Steffen Deibler, das Duell über 100 Meter Freistil. Biedermann war kurz zuvor schon geschwommen, er hatte über 400 Meter Freistil gewonnen, außerdem sind die 100 Meter für ihn eher eine Nebenstrecke. Trotzdem gewann er. Er schlug nach 48,80 Sekunden an, der 100-Meter-Spezialist Deibler nach 48,97. Aber der blieb immerhin klar unter der EM-Norm. Doch der echte Siegertyp heißt immer noch Biedermann.

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