Interview : "Behindertensport präsenter machen"

Die Schweizer Bundespräsidentin Evelin Widmer-Schlumpf im Gespräch mit der Paralympics Zeitung über ihren Besuch in London und über mögliche Winterspiele in der Schweiz.

Die Schweizer Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf. Foto: dpa
Die Schweizer Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf.Foto: dpa

Haben sie eine persönliche Verbindung zum Behindertensport?

 Eine persönliche Verbindung habe ich nicht wirklich, da niemand aus meiner Familie Behindertensport betreibt. Ich kenne aber ein Mädchen aus meinem Bekanntenkreis, das Schwimmen als Behindertensport ausübt. Als Studentin arbeitete ich zudem in einem Heim für Kinder mit einer Behinderung. Dadurch habe ich einen Bezug zu Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung.

 

Sie sind die erste Bundespräsidentin die an der Eröffnungsfeier der Paralympics teilnimmt. Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, die Paralympischen Spiele zu besuchen?

 Für mich war von Anfang an klar, dass, wenn ich als Bundespräsidentin an die Eröffnungsfeier der olympischen Spiele reise, ich auch die Paralympics besuchen werde. Für mich sind beide Anlässe gleichwertig. Leistung und Talent sind für mich wichtig, unabhängig von einer Behinderung. Der einzige Unterschied besteht darin, dass diese Leistung in Verbindung mit einer erschwerten Situation erbracht wird.

 

Der Behindertensport ist allgemein nicht sehr populär in der Schweiz. Länder wie GB sind der Schweiz weit voraus, wenn es zum Beispiel um öffentliche Aufmerksamkeit für die Sportler und finanzielle Unterstützung für den Behindertensport geht. Wieso ist das in der Schweiz so?

 In der Schweiz hat alles etwas spät begonnen. In den letzten Jahren konnten aber große Fortschritte erzielt werden - vor allem bei der Integration von handicapierten Menschen. Es gibt zum Beispiel bereits Winterspiele in Klosters für Menschen mit einer Behinderung. Ich war auch schon einmal dabei. Das Verständnis ist vorhanden, doch braucht es natürlich noch mehr Medienpräsenz. Die Medien sollten das Thema vermehrt aufnehmen und und unter die Leute bringen. Wichtig ist, nicht nur im Behindertensport, sondern in der Behindertenpolitik allgemein, dass man versucht, Fragen gemeinsam zu lösen.

 

Was können Sie persönlich machen, um die Popularität in den Medien zu steigern? Schweizer Medien berichten sehr wenig über die Paralympics.

Mein Besuch an der Eröffnungsfeier und meine Anwesenheit während der Wettkämpfe ist sicherlich eine gute Möglichkeit, um den Behindertensport in den Medien präsenter zu machen. Die Teilnahme eines Mitglieds des Bundesrats steigert die Medienpräsenz.

 

Was wird für Sie ein Highlight sein in London und was für Wettkämpfe werden Sie besuchen?

 Ich werde an der Eröffnung teilnehmen und anschließend noch einen Tag in London verweilen. Ich werde unter den Wettkämpfe auswählen, die an diesen Tagen gerade laufen. Was ich sehr gerne besuchen möchte, sind Wettkämpfe der Leichtathleten, der Radfahrer und der Bogenschützen. Hier sehe ich auch unsere größten Medaillenchancen.

 

Wie sehen die Medaillenchancen der Schweiz aus?

 Die elf Medaillen, die sich der Verband als Ziel gesetzt hat, sind ein hohes Ziel in Anbetracht von nur 25 Paralympioniken im schweizerischen Team. An den letzten paralympischen Spielen schnitt die Schweiz sehr gut ab, auch damals mit einer kleinen Mannschaft. Wie schwierig die Qualifikationen in der Schweiz war, zeigt sich etwa darin, dass ein bekannter Sportler wie Franz Nietlispach die Selektion nicht schaffte. Die Qualifikationshürde ist hoch. Man nahm für diese Spiele einige jünger Sportler in die Mannschaft. Dank der hohen Qualifikationshürde werden wir hoffentlich auch die Medaillen gewinnen, die wird uns alle erhoffen. 

 

Welche paralympische Sportart fasziniert sie am meisten?

Für mich gibt es nicht die eine paralympische Sportart. Ich habe früher selbst unterschiedliche Sportarten ausgeübt - im Winter und im Sommer. Ich war früher selbst Langstreckenläuferin. Gerne schaue ich Leichtathletik und Schwimmen. Das sind Wettkämpfe, die sich an einem Ort abspielen und bei denen man den ganzen Verlauf verfolgen kann.

 

Was wünschen Sie sich für das Schweizer Team in London?

Als erstes wünsche ich mir, dass es ihnen Spaß macht und dass tolle Begegnungen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern anderer Ländern stattfinden. Natürlich wünsche ich mir auch, dass die Sportlerinnen und Sportler das erreichen, was sie sich leistungsmässig vorgenommen haben. Falls sie es nicht erreichen, wünsche ich mir, dass sie gut mit Niederlagen umgehen können. Es ist schön, wenn sie Erfolg haben, aber ebenso, wenn sie mit Misserfolgen gut umgehen können.

 

Das House of Switzerland ist überraschend auch während der Paralympics geöffnet. Wie kam es dazu? Kann man diesen positiven Entscheid als Fortschritt in der Schweizer Behindertenpolitik ansehen?

Ich denke schon. Am Anfang hieß es, das House of Switzerland werde nach den olympischen Spielen geschlossen. Als ich in London war, erkundigte ich mich danach und man sagt mir, man werde es offen halten auch während der paralympischen Spielen. Es ist wieder ein Schritt Richtung Gleichstellung von Paralympics und Olympischen Spielen. Im Übrigen ist das Swiss House beeindruckend. Die Schweiz wird sehr gut präsentiert. Es ist eine gelungene Mischung aus Tradition und Sport.

 

Was sind die Stärken der Behindertenpolitik der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern?

Bei uns ist die Integration in die Gesellschaft bereits weit gediehen, als fortschrittlich kann auch die Integration am Arbeitsplatz bezeichnet werden. Auch bezüglich Infrastruktur im öffentlichen Verkehr und in Verwaltungsgebäuden haben wir Einiges erreicht.

 

Wie ist es mit der finanziellen Förderung des Paralympischen Sports und der Olympischen Sports in der Schweiz? Gibt es große Unterschiede?

Das Budget der Athleten von Swiss Paralympic wird durch Swiss Olympic zu zwei Dritteln mitfinanziert, der Rest entfällt auf Sponsorengelder. Nur zu einem kleinen Teil wird der Behindertensport durch öffentliche Gelder des Kantons oder des Bundes finanziert. Das wird aber auch gegenüber Swiss Olympic so gehandhabt.

 

Können Sie sich vorstellen, dass die Schweiz Austragungsort der Paralympischen Spiele ist und dass es eventuell eine positive Auswirkung haben könnte auf die Behindertenpolitik in der Schweiz?

Man muss sich zunächst fragen, ob wir olympische Spiele organisieren und durchführen können. Denn seit 2004 finden die Olympics und Paralympics parallel statt, also im gleichen Land. Sommerspiele standen in der Schweiz wegen ihrer Grösse nie zur Diskussion. Aber gesprochen wird über die Winterspiele. Als möglicher Austragungsort ist im Moment der Kanton Graubünden im Gespräch. Aber es sind noch Abstimmungen nötig – im Kanton und in den Austragungsorten – und auch der Bund muss sich zu einem allfälligen finanziellen Engagement noch äußern. Es ist natürlich klar, dass, falls olympische Winterspiele in der Schweiz stattfinden, auch die Paralympics bei uns durchgeführt würden.

Die Fragen stellte Alisha Mathis, 18 Jahre, Schülerreporterin der Paralympics Zeitung.

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