Interview : Berti Vogts: "Trotzdem ein Erfolg!"

Unter ihm wurde Deutschland 1996 Europameister. Nach dem EM-Finale von Wien zieht der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts Bilanz

Vogts Berti
Alt-Bundestrainer. Von '90 bis '98 war Vogts DFB-Coach, jetzt ist er Trainer in Aserbaidschan.Foto: ddp

Herr Vogts, was bedeutet diese Niederlage im Finale für Deutschland?



Wir hatten wechselhafte Spiele. Gut gegen Polen, schlecht gegen Kroatien, das Prestigeduell gegen Österreich, ein Klassespiel gegen Portugal und ein nicht so gutes gegen die Türkei. Bei aller Kritik muss man sagen, wir haben im Viertel- und Halbfinale jeweils drei Tore erzielt. Deshalb bewerte ich diese EM als Erfolg, auch jetzt. Es ist falsch nun wie bei mir 1992 Desaster und Debakel zu rufen.

Sind solche Finalteilnahmen für den deutschen Fußball jetzt der Standard?

Wir haben doch alle mit einem solchen Finale gerechnet, nachdem wir bei der WM Dritter wurden und eine sehr gute Qualifikation gespielt haben. Und es gab die Hoffnung, dass wir uns mit dieser Mannschaft weiterentwickeln. Das hat sich bewahrheitet, wenn man auf das Spiel gegen Portugal schaut.

Viele der Mitfavoriten schieden früh aus – was macht den Unterschied zu den Holländern, den Kroaten und Portugiesen aus?

Portugal traf auf eine perfekt organisierte deutsche Mannschaft. Naivität bei Freistößen, das kann man sich gegen eine so gut organisierte Mannschaft wie unsere nicht erlauben. Deshalb ist Portugal zu Recht ausgeschieden. Bei den anderen hat die Balance nicht gestimmt. Bei den Holländern zum Beispiel. Man kann nicht nur mit acht, neun Offensivspielern antreten. Russlands Trainer Guus Hiddink kennt den holländischen Fußball sehr genau und hat die Schwachstellen ausgenutzt.

Was ist das Merkmal der EM? Es hieß, wer ein Risiko eingeht, würde dafür belohnt.

Man kann nur ein Risiko eingehen, wenn die Abwehr stimmt, wenn das Fundament steht. Mit permanentem Sturmlauf ist man verletzlich. Turniere gewinnen Mannschaften, die eine gute Balance haben, eine Abstimmung von hinten bis vorne. Auffällig war auch der positive Fußball in der Vorrunde, dass man versucht hat, immer wieder nach vorne zu spielen, drei, vier Spieler waren immer vor dem Ballführenden. Das hat nichts mit einer oder drei Spitzen zu tun. Es wurde kein neues System erfunden. Mit einer Spitze und drei Spielern dahinter lief Frankreich schon vor zwei Jahren auf. Und in Spanien und der englischen Premier League wird so seit drei oder vier Jahren agiert.

Gab es trotzdem Auffälliges aus taktischer Sicht?

Es wurde zum Kombinationsfußball zurückgefunden. Zu einer beeindruckenden Passgenauigkeit. Ich nenne das Ballhalten mit dem Blick nach vorne, um denjenigen, der in Position gelaufen ist, sofort anzuspielen. Man hat bei den erfolgreichen Mannschaften sehr wenig weite und lange Bälle gesehen.

Bei den Russen zum Beispiel?

Ja, sie stellen die Überraschungsmannschaft der EM. Beeindruckend, mit welcher Geschwindigkeit und Athletik die spielen und wie stark sie im individuellen Bereich sind.

Sie hatten vor langer Zeit ein nachhaltiges Nachwuchskonzept angeregt. Erntet man heute die Früchte dieses Weges?

Man ist ihn lange nicht konsequent genug gegangen. Der Hauptgrund war, dass nicht mehr Geld in den Nachwuchsbereich gesteckt wurde.

Das hat sich geändert?

Inzwischen hat der DFB einiges nachgeholt und enorm viel Geld investiert. Man ist auf einem guten Weg. Mit dem guten Auftritt bei dieser EM wurde ein weiteres Zeichen gesetzt, dass man gewillt ist, den Nachwuchsbereich weiter zu fördern.

Gibt es Vorbilder in Europa?

Wie erfolgreich so etwas sein kann, sieht man an den Spaniern, die in den letzten Jahren alles abgeräumt haben mit ihren Jugendteams. Mit der U17 oder der U19 zum Beispiel. Heute sehen wir die Spieler in der A-Mannschaft wieder. Für den DFB und den deutschen Fußball muss es Pflicht sein, diesen Weg, den Matthias Sammer vorgezeichnet hat, weiterzugehen.

Gerade in Spanien wird immer wieder über die erfolgreichen Fußballinternate berichtet.

1984 haben wir viele Internate in anderen Länden angeschaut. Wir waren in Paris beim Verband, wir haben uns das damals beste in Sochaux angeschaut und ein Konzept vorgelegt. Das liegt nun leider immer noch bei mir zu Hause. Damals war man noch nicht so weit.

Und heute?

Egal, ob man das nun Internat oder, wie wir heute in Deutschland, Leistungszentrum nennt: Es wurde bei den Bundesligavereinen sehr gut gearbeitet. Der DFB und die Liga haben Druck ausgeübt, um den Ausbau auf einem hohen Niveau zu gewährleisten.

Das Gespräch führte Oliver Trust.

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