Interview : Diego: "Man kann nicht immer Maradona sein"

Diego spricht mit dem Tagesspiegel über Juventus Turin, die Rasenqualität in Italien und das entscheidende Spiel heute Abend gegen den FC Bayern München.

Diego
Diego -Foto: AFP

Diego, heute gegen die Bayern heißt es für Sie und Juventus Turin: Alles oder nichts. Sind Sie schon nervös?



Nein. Aber wir wissen, worum es geht. Wir spielen um die Qualifikation für die nächste Phase in der Champions League. Das ist wie ein Finale für uns. Wenn wir nicht weiter kämen, wäre das ein Desaster. Also nehmen wir alle Kraft zusammen, um zu gewinnen. Der Erfolg gegen Inter am Samstag gibt uns Zuversicht.

Was fürchten Sie an den Bayern?

Sie sind gut organisiert. Die Bayern haben Spieler, die eine Begegnung entscheiden können. Sie haben zuletzt gewonnen und befinden sich in einer besseren Phase.

Spielt die alte Rivalität zwischen Werder und den Bayern für Sie noch eine Rolle?


Nein. Aber was ich von den Bayern weiß, kann uns helfen. Ich verfolge auch jetzt immer, wenn ich kann, die Bundesliga.

Und wie gefällt Ihnen Werder dabei?

Sehr gut. Sie sind jetzt auf dem zweiten Platz, können Meister werden. Das ist ein Team von sehr hoher Qualität.

Was halten Sie davon, dass jetzt bei Werder mit Mesut Özil, Aaron Hunt und Marko Marin drei Spieler die Aufgaben übernehmen, die Sie noch allein hatten?

(Lacht) Wichtig ist immer, dass die Mannschaft gewinnt und dass die Spieler verstehen, was der Trainer will. Ich glaube, der bedeutendste Mann in Bremen ist Thomas Schaaf. Die Mannschaft hat viele Qualitäten, auch Manager Klaus Allofs ist wichtig. Aber Thomas ist ein ganz besonderer Trainer. Er macht bei Werder den Unterschied aus.

Ihr jetziger Trainer Ciro Ferrara ist dagegen ein Neuling. Vergangene Woche waren die Zeitungen in Italien voll von einer Auseinandersetzung über taktische Fragen, die Sie und Ferrara hatten. Wie viel muss Ferrara von Ihnen lernen?

Das wurde falsch wiedergegeben. Wir hatten keinen Streit. Ciro Ferrara ist ein erstklassiger Trainer.

Aber es läuft nicht rund bei Juventus. Sie hatten einen famosen Einstand im Sommer mit zwei Toren zum Auftakt gegen den AS Rom. Doch dann baute Juve ab. Auch Sie konnten nicht mehr an Ihre Leistungen anknüpfen. Woran lag das?


Wir haben gut begonnen. Dann tauchten ein paar Probleme auf. Ich weiß selbst nicht, ob es eine Kopfsache war oder ob etwas an der Einstellung auf dem Platz mangelte. Aber auch in solchen Situationen bin ich Teil der Mannschaft und übernehme Verantwortung. Jetzt müssen wir den richtigen Weg finden.

War vielleicht der Druck zu groß? Als Sie in Italien angekommen sind, schossen die Erwartungen gen Himmel. Man verglich Sie mit Maradona und Zico. Belastet das?


Hohe Erwartungen sind normal. Aber es muss klar sein, dass man nicht immer eine riesengroße Show abliefern kann. Man kann nicht jeden Tag ein Maradona sein. Es kommt darauf an, zu gewinnen und gut zu spielen. Wenn man dann zwei Tore oder zwei Torvorlagen im Spiel macht, ist alles perfekt. Jetzt ist es wichtig, dass ich viele Partien durchspiele und dabei der Mannschaft helfe. Dann kommen auch die brillanten Momente.

Bei Werder hatten Sie im Vorjahr zum gleichen Zeitpunkt schon acht Treffer erzielt. Bei Juve waren Sie nur drei Mal erfolgreich. Wieso?

Juventus ist eine Mannschaft, vor der die Gegner sehr viel Respekt haben. Also sind unsere Gegner sehr defensiv eingestellt und verengen die Räume. Werder gegenüber haben sich viele Mannschaft auf Augenhöhe gefühlt. Dadurch gab es mehr Platz und meine Aufgabe war etwas einfacher.

Welche Unterschiede zwischen Bundesliga und Serie A sind noch prägnant?


Der Rasen war in Deutschland besser. Hier sind 70 Prozent der Spielflächen in gutem Zustand, aber 30 Prozent so lala.

Das hilft einem Offensivspieler nicht unbedingt.

Nein, das ist wirklich ein Nachteil.

Die Foulquote gegen Sie in der Serie A bewegt sich aber in ähnlichen Regionen wie in der Bundesliga?


Da gibt es keine Unterschiede.

Manche Beobachter meinen, aus Angst vor den vielen Fouls halten Sie sich weiter vom Strafraum entfernt auf und strahlen auch deshalb weniger Torgefahr aus.

Die Position, auf der ich spiele, ist in der Mannschaftstaktik festgelegt. Ich soll hinter den Spitzen agieren und Amauri und Del Piero bedienen. Angst hatte ich auf dem Fußballplatz noch nie – das kann ich Ihnen versichern.

Man hat den Eindruck, dass Sie in den letzten Wochen stärker versuchen, die Zügel in die Hand zu bekommen. Sie werden lauter auf dem Platz, diskutieren auch mit dem Schiedsrichter. Jüngst haben Sie verkündet, dass Sie bei Juve der neue Platini werden wollen. Wie ehrgeizig sind Sie?

Ich habe nicht behauptet, dass ich der neue Platini werde. Das ist ein Missverständnis. Ich habe aber gesagt, dass ich bei Juve eine Rolle spielen möchte wie Zidane, wie Del Piero und wie Platini. Ich habe das Potenzial, den gleichen Weg wie diese Spieler zu beschreiten. Aber ob es mir gelingen wird, ob ich tatsächlich ein neuer Zidane oder ein neuer Platini werde – das weiß ich nicht. Ich will meine Geschichte machen. Ich möchte die Geschichte von Diego schreiben.

Ist die Diego-Geschichte eine italienische Geschichte, eine Juve-Geschichte?


Das kann gut sein. Ich fühle mich sehr gut hier. Ich habe einen Fünfjahresvertrag. Das ist ein fantastischer Klub.

Ist das Engagement bei Juve auch für Ihre Ambitionen auf einen Platz im brasilianischen WM-Kader hilfreich?


Ja, klar. Ich spiele in einer Mannschaft mit großer Geschichte. Viele Leute verfolgen die Spiele von Juventus, auch in Brasilien. Jeder kann sehen, was ich hier leiste. Daher kann das tatsächlich helfen.

Sie haben also noch Hoffnung auf eine Berufung durch Carlos Dunga?


Natürlich. Ich habe mehr als 40 Spiele in brasilianischen Auswahlteams bestritten und war auch bei einigen Turnieren dabei. Ich will unbedingt an der WM teilnehmen.

Was geschieht, wenn Sie am Dienstag gegen Bayern verlieren?


Ich habe keine Ahnung. Sicherlich wäre das sehr schlimm. Ich habe aber Vertrauen in die Mannschaft, dass wir das Spiel gewinnen werden.

Ein Remis würde doch auch reichen...


Wenn man im Juve-Trikot aufläuft, will man immer alles geben. Man strebt stets den Sieg an. Das ist eine Verpflichtung.

Das Gespräch führte Tom Mustroph.

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