Interview : "Dwain Chambers könnte noch einmal gesperrt werden"

Weltverbandspräsident Lamine Diack erklärt im Tagesspiegel-Interview, warum der frühere Doper Dwain Chambers nicht erwünscht ist und sogar noch einmal gesperrt werden könnte, warum Usain Bolt ein Vorbild ist und was die Deutschen vor der WM falsch machen.

Friedhard Teuffel
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Lamine Diack, Präsident des Weltverbandes der Leichtathleten.Foto: dpa

Herr Diack, wieso wird die WM in Deutschland ein Erfolg?

Ich war bei der Fußball-WM in Deutschland und habe gesehen, was die Deutschen für eine Stimmung geschaffen haben, vor allem außerhalb der Stadien mit den riesigen Videowänden. Die Deutschen haben gezeigt, dass sie eine offene Geisteshaltung haben und sehr gastfreundlich sind. Ich hoffe, dass wir eine Atmosphäre schaffen können wie bei der Fußball-WM. Wir müssen weniger über Doping reden, mehr über die schönen Seiten der Leichtathletik. Zum Beispiel über den Sprung über 8,71 Meter von Sebastian Bayer.

Ein Meter weiter als Sie bei Ihrem persönlichen Rekordsprung von 7,72 Meter...

Aber das war vor 50 Jahren und ich hatte keine Tartanbahn. Ich habe mich mit Bayer gefreut. Da fragt man sich sofort: Wie geht es weiter mit ihm? Leider zweifeln die Deutschen noch an den Fähigkeiten ihrer Sportler. Aber sie werden gut sein. Denken Sie an den Hochsprung der Frauen: Die ganze Zeit war Blanka Vlasic vorne, dann kommt diese junge Deutsche Ariane Friedrich, und plötzlich ist der Ausgang dieses Wettbewerbs offen. Wir werden in dem wunderbaren Berliner Stadion eine Atmosphäre erleben wie in Paris. Damals habe sich auch alle gefragt, ob das Stadion voll wird – am Ende war es voll.

Was können die WM-Organisatoren in Berlin noch tun, damit das Stadion wirklich voll wird?

Was die Werbung betrifft, kann man von jetzt an noch einiges machen. Aber wir werden bis zum Istaf im Juni sehen, dass Berlin mehr und mehr die Hauptstadt der Leichtathletik wird. Ich hatte nach den Olympischen Spielen in Peking die Befürchtung, dass sich alles in Deutschland nur auf Doping konzentrieren würde. Nach dem Motto: Wir Deutschen sind sauber und die anderen schmutzig. Der Deutsche Leichtathletik-Verband ist in der Tat der Verband, der Doping am ernsthaftesten bekämpft. Aber man muss mit Vorwürfen gegenüber anderen sehr vorsichtig sein, schließlich kämpfen auch wir als internationaler Verband gegen Doping. Mir ist jedenfalls wichtig, dass man die Weltmeisterschaften nicht nur mit Doping verbindet.  

Wie muss sich die Leichtathletik weiterentwickeln?

Ich glaube nicht, dass es darum geht, die Wettbewerbe zu verändern. Wir behalten unsere einzelnen Disziplinen. Natürlich haben wir es schwerer als der Fußball. Kürzlich haben wir uns einmal gefragt, warum wir früher alle Leichtathletik gemacht haben und die jungen Leute das heute nicht mehr tun. Unsere Antwort: Es war der Zweite Weltkrieg, wir hatten keinen Ball.

Was kann die Leichtathletik vom Fußball lernen?

Wenn Sie irgendwo einen Fußball hinwerfen, sind sofort fünf Kinder drumherum und spielen damit. Aber es ist doch so: Um ein guter Fußballer, Basketballer, Volleyballer zu werden, muss man erst einmal ein guter Athlet sein. Man muss laufen können, springen, stark sein und Ausdauer haben. Natürlich wir können wir unseren Sport weiterentwickeln und müssen dabei an der Basis anfangen. Wir müssen unseren Sport spielen.

Und wie?

Dazu haben wir bei der IAAF das Konzept „Kids Athletics“ entwickelt für den Nachwuchs zwischen 7 und 12 Jahren. Und wir brauchen Mannschaftswettbewerbe für die Altersgruppe zwischen 13 und 15 Jahren.  80 Verbände haben das Programm schon übernommen.

In Deutschland entdeckt man gerade Staffelläufe neu. Meinen Sie auch das mit spielen?

Staffeln sind ganz wesentlich, auch wegen des Mannschaftsaspekts. Man muss sich nur die „Penn Relays“ in Philadelphia anschauen. Da kommen alle zusammen, Weltmeister, Olympiasieger und Kinder.

Kinder spielen auch Fußball, weil sie werden wollen wie Beckham oder Zidane. Da scheint der Fußball ebenfalls Vorteile zu haben.

Wir haben auch große Champions. Aber die stehen nicht so im Rampenlicht. Carl Lewis ist ein unglaublicher Star. Wenn er nach Europa kommt, geht ein Raunen durch die Menge. In den Vereinigten Staaten ist er so gut wie unbekannt. Und wenn Kenenisa Bekele kein Star ist, wer dann? Aber wir haben seine Geschichte nicht ausreichend vermarktet. Wir haben den jungen Deutschen nicht erzählt, dass Bekele aus einem Dorf kommt, in dem es nicht einmal Wasser gibt. Jetzt helfen wir den Leuten im Dorf, damit dort Brunnen gebaut werden können. Das ist doch eine Bilderbuchgeschichte für die ganze Welt.

Ist Usain Bolt ein gutes Vorbild?

Ja, ein sehr gutes Vorbild.

Warum?

Nicht so sehr aufgrund seiner Erfolge, sondern wegen seiner Entwicklung. Ich habe ihn schon gesehen, als er 14 Jahre alt war, 2001 auf den Bahamas bei den Carifta-Games. Da lief ein Schlaks von 1,92 Meter die 200 Meter unter 21 Sekunden. Ich habe damals gesagt: Der läuft die 400 Meter irgendwann in weniger als 43 Sekunden. Wir haben da wirklich einen Superstar. Ich hoffe, dass er sich nicht verletzt.

Oder bei einer Dopingkontrolle positiv getestet wird.

Das glaube ich nicht. Man muss sich einfach die Carifta-Games anschauen. Das ist ein unwahrscheinliches Erlebnis. Jedes Jahr zur Osterzeit in der Karibik kommen aus den Schulen der karibischen Länder die 14- bis 19-Jährigen. Schon in diesem Alter bringen sie großartige Ergebnisse. Wer das sieht, ist nicht mehr überrascht über die Ergebnisse, die Jamaikaner später bringen. Ich glaube deshalb nicht, dass Usain Bolt als Doper erwischt wird.

Sie sagen glauben. Das Problem der Leichtathletik ist inzwischen, dass  es längst zur Glaubensfrage geworden ist, ob man einem Athleten seine Leistung noch abnimmt.

Das gilt für andere Sportarten genauso. Wir wissen nicht alles. Das kann aber kein Grund sein, eine ganze Sportart an den Pranger zu stellen. 1936 kam ein junger Amerikaner nach Berlin. Jesse Owens gewann über 100 Meter, 200 Meter, im Weitsprung und in der Staffel. Sein Weltrekord im Weitsprung von 1935 hat 25 Jahre gehalten. Es gibt solche Ausnahmepersönlichkeiten.

Und für einen solchen halten Sie auch Usain Bolt.

Ja. Wir dürfen auch in Berlin bei der WM auf ihn gespannt sein. Vielleicht wird er die 200 Meter unter 19,30 Sekunden laufen.

Einerseits hat Bolt eine herausragende Technik. Andererseits ist Jamaika nicht die Nation, die Dopingkontrollen erfunden hat. Eine Anti-Doping-Agentur gibt es dort erst seit kurzem.

Aber die Kontrollen machen doch wir von der IAAF. Wir kontrollieren alle Sportler, die ein bestimmtes Niveau haben, die 20 besten Sportler in jeder Disziplin. Bei der Zahl der Kontrollen stehen die Jamaikaner weltweit an fünfter Stelle. Manche Sportler werden im Training sieben Mal im Jahr kontrolliert. Dasselbe gilt für die Kenianer. Da gibt es auch keine Nationale Anti-Doping-Agentur, aber wir kontrollieren sie trotzdem.

Also sind Sie nicht auf die Kooperation der Jamaikaner angewiesen?

In der Leichtathletik sind die Kontrollen immer durchgeführt worden. Alles was zurzeit gemacht wird, von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, vom Internationalen Olympischen Komitee, sind Verfahren, die vor 30 Jahren von der Leichtathleten initiiert worden sind. Das kostet uns drei Millionen Dollar jedes Jahr. In unserer Abteilung für Dopingbekämpfung in Monte Carlo haben wir elf fest angestellte Mitarbeiter. Vor der Gründung der Wada haben wir unsere Dopingsünder für vier Jahre aus dem Verkehr gezogen.

Was denken Sie dann über den britischen Sprinter Dwain Chambers? Auf der einen Seite ist seine zweijährige Sperre abgelaufen, auf der anderen Seite wollen ihn Meeting-Direktoren nicht einladen, weil er in die Balco-Affäre eingebunden war.

Für die IAAF ist seine Strafe beendet, er ist wieder startberechtigt. Es gab aber noch eine zweite Bedingung: Er muss seine Preisgelder zurückzahlen. Weil er sagte, dass er kein Geld hatte, bekam er die Auflage, 30, 40 Prozent von seinen Prämien zurückzuzahlen. Ich habe jetzt gelesen, dass er wieder Kontakt zu Victor Conte haben soll, dem Drahtzieher der Balco-Affäre. Ich verstehe, dass Meeting-Organisatoren keine Lust haben, Chambers einzuladen. Bolt neben Chambers? Das wollen sie nicht. Ich werde niemanden zwingen, Chambers einzuladen. Denn immer wenn er auftaucht besteht die Gefahr, dass sofort alle Scheinwerfer auf ihn gerichtet sind und es nicht mehr um die richtige Leichtathletik geht. Journalisten interessieren sich immer sehr für Doping. Wir werden uns nochmal mit Chambers beschäftigen, denn die Geschichte läuft ja immer weiter.

Was könnten Sie unternehmen?

Chambers hat ein Buch geschrieben, das lesen gerade unsere Juristen. Wenn das Buch Passagen enthält, in denen Chambers unseren Sport in Verruf bringt, könnte er noch einmal gesperrt werden. Dafür haben wir eine Regel.

Die Leichtathletik hat mit ihren 47 Disziplinen ein gewaltiges Programm. Es gibt Vorschläge, die Weltmeisterschaften zu verkürzen.  Was halten Sie davon?

Vorschläge wie von den europäischen Fernsehanstalten der EBU, die WM auf sechs Tage zu verkürzen. Davon träumen die Fernsehproduzenten, aber nicht die Sportler. Wir haben 47 Disziplinen, Athleten aus 213 Ländern nehmen teil, wir sind die einzige Sportart, in der wirklich alle Länder vertreten sind. Und das sollen wir jetzt in sechs Tagen machen? Da kann ich nur antworten: Ich mache keinen Sport fürs Fernsehen, sondern für die  Sportler. Wenn das dem Fernsehen nicht passt, ist das deren Problem. In London bei den Olympischen Spielen 2012 wollen sie die Leichtathletik auch an neun Tagen zeigen, sie bauen extra ein Stadion für 85.000 Zuschauer, das sollte möglichst an neun Tagen voll sein. Da nehmen wir richtig viel Geld ein.

Also bleibt alles, wie es ist?

Wir müssen sehen, wie wir unser Programm innerhalb dieser neun Tage möglichst attraktiv gestalten. Es kommen viele Sportler, die eigentlich nicht das Niveau haben. Vielleicht machen wir Vorläufe oder Ausscheidungswettkämpfe. Damit Bolt nicht vier Entscheidungsrunden machen muss.

In der neuen Diamond League finden von den 47 Disziplinen nur 32 statt, Gehen und Hammerwerfen zum Beispiel nicht. Ist das der Anfang davon, solche Disziplinen auszulagern oder zu streichen?

Nein. Bei den Weltmeisterschaften werden immer alle Disziplinen stattfinden. Das sind unsere Weltmeisterschaften.

Welche Bedeutung wird der Weltrekord in Zukunft haben? Thomas Bach, der Vizepräsident des IOC fordert, Weltrekorde beiseite zu schieben und sich ganz auf den Wettbewerb zu konzentrieren.

Ich verstehe nicht, was er meint. Wenn man bei den Weltmeisterschaften antritt, ist doch das Ziel zu gewinnen, nicht den Weltrekord zu brechen. Der Favorit über 100 Meter läuft so schnell er kann, wenn der Weltrekord herausspringt – umso besser. Bei den Sprüngen und Würfen ist es genauso. Die Frage kann höchstens für Mittel- und Langstrecken gelten bei einem Meeting, weil da noch Tempomacher dazukommen.

Für Thomas Bach ist allein der Begriff „Hase“ für Tempomacher menschenverachtend. Man sollte auf Tempomacher verzichten, sagt er.

Tja. Der Begriff hat sich nun mal so eingebürgert. Und es geht nur um einige wenige Disziplinen. Klar, wenn drei oder vier Tempomacher in einem Rennen auftauchen, dann muss man schon etwas dagegen machen. Es sollte eine Übereinkunft geben, dass nur noch ein Tempomacher zum Einsatz kommt.

In der Leichtathletik scheitert ein großes Duell, etwa über 100 Meter zwischen Usain Bolt und Tyson Gay, oft daran, dass sich beide aus dem Weg gehen und nur bei Olympia oder der WM gegeneinander laufen. Wird es nun bei der Diamond League diese Duelle geben?

Ja, wir werden Verträge mit den Sportlern abschließen, auch wegen des Preisgelds. Es wird nicht so oft sein wie im Tennis, wo Federer und Nadal regelmäßig gegeneinander spielen. Im Tennis gibt es eben auch keine Weltmeisterschaften. Aber wenn es uns gelingt, Bolt und Gay zweimal vor und zweimal nach der WM oder Olympia zusammenzubringen, ist das schon eine gute Sache. Vielleicht nicht jedes Mal über dieselbe Strecke, mal über 100 Meter, mal über 200. Aber gegeneinander.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

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