Interview : Eishockey-Bundestrainer Uwe Krupp: "Was heißt schon Außenseiter?"

Eishockey-Bundestrainer Uwe Krupp über die Chancen der Deutschen bei der anstehenden Weltmeisterschaft im Eishockey und den Zuschauerweltrekord in Gelsenkirchen.

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Uwe Krupp, 44, ist seit 2005 Trainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Hier übt der ehemalige Weltklasseverteidiger schon mal mit WM-Maskottchen Urmel.
Uwe Krupp, 44, ist seit 2005 Trainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Hier übt der ehemalige Weltklasseverteidiger...Foto: firo

Herr Krupp, am Freitag beginnt die Eishockey-Weltmeisterschaft in Deutschland. Wie groß ist Ihre Vorfreude auf das Auftaktspiel gegen die USA?
Natürlich ist die Vorfreude auf das Spiel in der Schalker Arena groß. Bei mir und bei der Mannschaft. Wir haben die besten Jungs dabei, die wir kriegen konnten, alle sind motiviert, keine Frage. Wir wollen das Spiel gewinnen, aber es wird sehr, sehr schwer.

Allzu euphorisch klingt das nicht. Immerhin sind Sie und Ihr Team doch Teil einer Weltrekordveranstaltung. Über 76.000 Zuschauer werden am Freitag vor Ort sein, so viele, wie noch nie in der Geschichte des Eishockeys. Das muss doch eine gigantische Sache für Sie sein, oder?
Das ist eine Sache, das stimmt. Aber für uns ist es schwierig, im Voraus abzuschätzen, welchen Effekt die Kulisse auf uns oder auf den Gegner hat. Die USA kommen mit einer ganz starken Mannschaften nach Deutschland, sie sind ein Medaillenkandidat. Wir freuen uns auf das Spiel in Gelsenkirchen, aber ein Selbstläufer wird das nicht. Es wird eine ganz schwere Aufgabe.

Ihr Arbeitgeber, der Deutsche Eishockey- Bund, bewirbt die Auftaktpartie als das „größte Spiel aller Zeiten“. Ein anderer Titel wäre Ihnen am Ende der WM bestimmt noch lieber?
Das Spiel in Schalke ist eine Super-Angelegenheit für das WM-Organisationskomitee. Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wir haben unsere eigenen Ziele. Wir wollen gutes Eishockey und wollen etwas erreichen. Gute Fans haben wir übrigens schon immer gehabt. Die Zuschauer haben uns doch auch schon am Dienstag in Hamburg beim Testspiel gegen Kanada toll unterstützt.

Aber das waren fast 70.000 weniger als es am Freitag sein werden.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Das mit den vielen Zuschauern auf Schalke ist sehr positiv für das deutsche Eishockey. Und wenn die große Kulisse dann noch mehr Leidenschaft bei meinen Spielern provoziert, ist das natürlich gut. Aber ich konzentriere mich als Trainer bei der WM auf Dinge, die ich kontrollieren kann, die Zuschauer gehören nicht dazu.

Was können Sie denn kontrollieren? Bei der vergangenen WM sind Sie mit Ihrer Mannschaft sportlich abgestiegen, sind aber nun als Gastgeber trotzdem qualifiziert. Wie konkurrenzfähig ist das deutsche Team überhaupt?
Wir stehen vor schweren Aufgaben und natürlich großen Erwartungen im eigenen Land. Aber auch wir erwarten etwas von uns. Unser Ziel ist es, die Zwischenrunde zu erreichen.

Ein Ziel, das 2001 bei der Heim-WM mit dem Erreichen des Viertelfinales unter Ihrem Vorgänger Hans Zach deutlich übertroffen wurde…
Irgendwann haben wir Deutschen auch schon mal Bronze im Eishockey gewonnen. Aber das spielt heute überhaupt keine Rolle mehr. Uns interessiert nur das Hier und Jetzt, und das wollen wir möglichst gut bewältigen und erst mal die Vorrunde erfolgreich bewältigen. Wenn wir die Zwischenrunde nämlich nicht erreichen, dann könnten wir in der Abstiegsrunde nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Und das wollen wir auf keinen Fall.

Dazu müssten sie mindestens ein Spiel in der Vorrunde gewinnen…
Ganz klar, das werden wir auch machen. Wir haben uns da durchaus auch schon unsere Gedanken gemacht mit unserem Trainerstab. Ich denke, es sieht alles ganz gut aus.

Dabei fehlen Ihnen bei der WM viele renommierte Profis. Auf Thomas Greilinger, immerhin Torschützenkönig der deutschen Liga, verzichten sie freiwillig. Die Ausfälle von Marco Sturm, Jochen Hecht, Denis Seidenberg und Christian Ehrhoff müssten aber doch schwer wiegen. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus, dass die WM nicht ein Reinfall für das deutsche Team wird?
Dass die genannten Spieler fehlen, fällt unter die Kategorie unkontrollierbar. Damit beschäftigte ich mich überhaupt nicht. Wir konzentrieren uns nur auf die Dinge, die wir auch beeinflussen können.

Seit fünf Jahren sind Sie nun Bundestrainer und haben seitdem oft auf Missstände in der Nachwuchsarbeit und in der Zusammenarbeit zwischen Eishockey-Bund und Deutscher Eishockey-Liga hingewiesen…
Aber dazu werde ich mich jetzt bestimmt nicht mehr äußern. Jetzt zählt nur die WM.

Trotzdem – wo steht denn das deutsche Eishockey überhaupt? Noch ist ja von WM-Euphorie im Land wenig zu spüren. Liegt es vielleicht daran, dass das deutsche Team von vielen als krasser Außenseiter eingeschätzt wird und bedingt das auch, dass die Spiele nur auf einem Spartensender live übertragen werden?
Ich sage Ihnen etwas, was ich schon gesagt habe: Obwohl die letzte WM nicht nach unseren Vorstellungen lief, bin ich zum ersten Mal in fünf Jahren hier in Deutschland auf der Straße darauf angesprochen worden. Und warum? Weil wir bei der zurückliegenden Weltmeisterschaft Medienpräsenz hatten. Wir sind froh, dass die Spiele live im Fernsehen übertragen werden. Und was heißt schon Außenseiter? Wie gesagt, wir haben die besten Jungs dabei, die wir kriegen können. Ich habe im letzten Testspiel gegen die Kanadier sehr gute Ansätze bei uns gesehen, die mich optimistisch stimmen. Wir konnten gut mithalten – auch wenn das Ergebnis von 1:4 dies letztlich nicht ausdrückt. Wir haben da zu leichtfertig die Tore kassiert, aber mit unserer Defensive war ich sehr zufrieden.

Wie geht es denn nach der WM mit dem Bundestrainer Uwe Krupp weiter? Ihr Vertrag beim Deutschen Eishockey-Bund läuft aus und Bewerber für den Job scheint es auch schon zu geben. Ihren Vorgänger Hans Zach zum Beispiel.
Das gehört alles zu der Kategorie von Dingen, mit denen ich mich momentan nicht beschäftige. Jetzt zählt nur die Weltmeisterschaft.

Das Gespräch führte Claus Vetter.

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