Interview : Gegenbauer: „Das Präsidium hat das letzte Wort“

Herthas Präsident Werner Gegenbauer über die neuen Strukturen, Ziele und Möglichkeiten bei Hertha BSC: „In Favres Vertrag gibt es keine Ausstiegsklausel.“ - „Aus dem Tagesgeschäft halte ich mich raus.“

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Werner Gegenbauer, 59, hier neben Trainer Lucien Favre (rechts), ist seit Mai 2008 Präsident von Hertha BSC.Foto: Jürgen Engler

Herr Gegenbauer, Hertha hat zuletzt nur negative Nachrichten geliefert: Drei Niederlagen in einer Woche, Raffael verletzt, immer noch kein neuer Stürmer da. Und das vor dem wichtigen Spiel in der Europa League am Donnerstag gegen Bröndby ...

Natürlich tun die Niederlagen weh, aber die Saison ist noch sehr lang. In Sachen Stürmer ist die Geschäftsführung tätig und kurz vor der Ziellinie.

Was will Hertha mit dieser Mannschaft erreichen? Gibt es ein klares Saisonziel?

Das gibt es. Für mich ist das ein einstelliger Tabellenplatz – und dazu gehört auch Platz neun.

Reicht das in einer Stadt wie Berlin?

An dem Ziel kann man sich gerne reiben, dem stelle ich mich. Aber ich erinnere mich noch an Zeiten, da hat sich die Mannschaft auf die Champions League als Saisonziel festgelegt und wäre fast abgestiegen. Dass wir realistisch sind, sollte man uns wirklich nicht übel nehmen. Es geht um die Weiterentwicklung des Klubs unter der Prämisse, dass die finanziellen Möglichkeiten in den nächsten zwei Jahren begrenzt sind.

Glauben Sie wirklich, dass die Fans die Mannschaft nicht am vierten Platz der Vorsaison messen werden?

Die Fans haben ein Riesengespür dafür, was mit der Mannschaft möglich ist, ob sie ehrliche Arbeit abliefert und sich entwickelt. Tut sie das, werden die Fans auch bereit sein, unseren Weg mitzugehen. Allerdings müssen die Spieler etwas dafür tun, damit der gute Eindruck aus der vorigen Saison nicht verwischt wird.

Wie soll das funktionieren, wenn die Mannschaft um Platz neun spielt?

Die Fans erwarten vor allem auch Leidenschaft von der Mannschaft, und die kann unabhängig vom Tabellenplatz sein. In der vergangenen Saison waren wir auch erfolgreicher, als die meisten erwartet haben, und es gibt ja nicht nur die Bundesliga. Wir spielen auch noch im Pokal und in der Europa League. In einem dieser Wettbewerbe brauchen wir einfach einmal ein bisschen mehr als erwartet. Natürlich träumt jeder von Titeln – doch über Zwei- oder Fünfjahrespläne funktioniert dieser Weg eben nicht.

Wie sehr leidet Hertha noch unter den Sünden der Vergangenheit?

Netter Versuch, aber es geht nicht um Sünden der Vergangenheit. Damit haben wir abgeschlossen. Da können Sie jetzt noch fünfmal nachfragen.

Aber wie lange wird es dauern, bis der Klub das, was er einnimmt, wieder in die Mannschaft investieren kann?

Wir haben unseren Personaletat doch schon von 23 Millionen Euro auf 28 Millionen erhöht. Das ist ja auch nicht nichts. Gleichwohl ist es keine Frage, dass wir uns momentan keine großen Sprünge erlauben können. Es gibt keine Alternative zu diesem Kurs der wirtschaftlichen Vernunft und Stabilität.

Was heißt das?

Wir – und damit meine ich nicht die Geschäftsführung, sondern die Eigentümer, der Verein, repräsentiert durch Präsidium und Aufsichtsrat – haben die Verpflichtung, die Eigenkapitalbasis zu stärken. Erst dann werden wir wieder in der Lage sein, alles in die Mannschaft zu investieren.

Gibt es da konkrete Pläne?

Wir sind seit Jahren an diesem Thema dran. Das geht in erster Linie über Genussscheinkapital und in zweiter über eine strategische Partnerschaft. Der Weg über Genussscheinkapital ist der sehr viel angenehmere, weil er keinen Anteilsverkauf beinhaltet. Eine dritte Möglichkeit wäre ein Transferüberschuss: indem wir aus jungen Spielern mit einem gewissen Wert mittelalte Spieler machen, die einen höheren Wert darstellen.

Das heißt, Hertha ist jetzt erst einmal ein Ausbildungsverein?

Bei 28 Millionen Euro Gehaltskosten? Das ist wirklich eine sehr charmante Umschreibung. Wir wissen schon, dass wir uns mit einigen anderen Klubs nicht messen können, aber wir waren nicht am wenigsten erfolgreich, wenn wir am meisten aufs Geld achten mussten.

Welche Rolle spielt in diesem Prozess der Trainer Lucien Favre?

Eine sehr wichtige. Dieter Hoeneß hat schon immer richtig gesagt, dass Favre mit einem nicht gerade überragenden Budget durch konsequente Arbeit eine Verbesserung einzelner Spieler erreicht hat. Das ist neben seinem taktischen Verständnis und seiner angenehmen menschlichen Ausprägung wesentlich.

Es ja inzwischen üblich, dass Trainer Ausstiegsklauseln in ihren Verträgen haben …

Es gibt keine Ausstiegsklausel.

Sie wollen Favres Vertrag innerhalb eines Jahres zum zweiten Mal verlängern. Warum?

Dazu müssen Sie den Hintergrund kennen. Als wir um Weihnachten zum ersten Mal über eine Verlängerung gesprochen haben, spielte die Mannschaft gerade sechs Wochen erfolgreich. Zu diesem Zeitpunkt schien eine Verlängerung um ein Jahr angemessen. Ich hätte lieber gewartet, um die Entwicklung zu beobachten. Vier Monate später hätten wir bestimmt gleich über zwei Jahre gesprochen. Das wollen wir jetzt nachholen.

Glauben Sie denn, dass Favre sich auf Dauer mit den schwierigen Bedingungen bei Hertha zufrieden gibt?

Favre ist ein Mann, der viel auf Vertrauen und Loyalität setzt. Er sieht, dass er in derzeitigen Konstellation gut bei Hertha arbeiten kann. Schließlich hat er, wie wir vom Präsidium auch, absolutes Vertrauen in die neue Führung um Michael Preetz, Ingo Schiller und ihr Team.

Unstrittig ist, dass Favre die Mannschaft vorangebracht hat und den Fans in der vorigen Saison viel Freude bereitet hat …

… dem Präsidium auch.

... trotzdem gibt es eine latente Furcht, dass Hertha sich dem Trainer bedingungslos ausliefert.

Ist das wirklich die öffentliche Wahrnehmung? In einem Fußballverein ist es doch so, dass die sportliche Kompetenz eine gewisse Dominanz haben soll. Aber die Vorstellung, dass einer allein Hertha BSC regiert, ist abwegig. Die neue Struktur ließe das gar nicht zu.

Der Eindruck ist, dass Favre in sportlichen Dingen das letzte Wort hat.

Das ist ja so ein bisschen der Zeitgeist, dass immer die Machtfrage gestellt wird: Wer unterjocht hier wen? Meine Beobachtung ist, dass ein ausgesprochen fairer Umgang zwischen den Entscheidungsträgern herrscht. Es gibt bei uns keine Machtfrage. Hertha steht im Mittelpunkt. Dem ordnen sich derzeit alle unter. Bei Hertha wird jetzt auf allen Ebenen im Team gearbeitet! Klingt vielleicht ein bisschen idealistisch, ist aber so.

Ist das der neue Wind der Zeit nach Dieter Hoeneß?

Ja, jetzt haben sich endlich alle lieb! Nein, Quatsch. Das hat nichts mit neuem Wind zu tun. Es herrscht einfach eine klare Offenheit darüber, was möglich ist. Wichtig ist, dass man nicht immer Schuldige sucht, sondern versucht, die Dinge im Sinne von Hertha weiterzutreiben.

Müssen die Kompetenzen nicht trotzdem klar geregelt werden?

Sind sie doch. Michael Preetz ist Geschäftsführer Sport, Lucien Favre ist für die Mannschaft und den Sportbetrieb verantwortlich. Bei übergeordneten Fragen entscheidet Michael Preetz. Das ergibt sich schon aus der Rechtsform. Aber natürlich sollten beide es vermeiden, dass eine solche Situation entsteht.

Aber der Trainer hat bei Transfers das letzte Wort.

Wenn Sie so wollen, hat das Präsidium das letzte Wort. Wir sind das zustimmungspflichtige Gremium. Wir müssen das genehmigen, was uns vorgeschlagen und von beiden getragen wird.

Und wenn Preetz und Favre sich in einer Personalie nicht einig sind …

… dann erwarte ich, dass sie dem Präsidium gar nicht erst vorgeschlagen wird.

Wie weit mischen Sie sich selbst in sportliche Belange ein?

Überhaupt nicht. Wenn ich Fragen habe, rede ich natürlich mit Michael Preetz und Lucien Favre. Bei Finanzfragen ist Ingo Schiller mein Ansprechpartner. Das ist wie in einem Unternehmen. Entweder Sie mischen sich ein und machen das dann immer, oder Sie halten sich raus. Es gibt nur einen Weg. Und weil ich nicht hauptamtlich Präsident bin, halte ich mich aus dem Tagesgeschäft raus.

Könnten Sie sich eine Situation vorstellen, in der Sie eine Brandrede halten?

Dass Geschäftsführung und sportliche Leitung eine solche Situation zulassen, ist unvorstellbar.

Warum so bescheiden?

Bescheiden? Das ist Realismus.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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