Interview : Hannovers Präsident Kind: "Hoffenheim ist das Baby von Hopp"

Die Affäre um den Mäzen beschäftigt den deutschen Fußball – Hannovers Präsident Kind fordert Änderungen.

Martin Kind, 66, ist Präsident von Hannover 96. Er plädiert für eine Öffnung der Bundesligaklubs für Investoren und ist vor das Schiedsgericht des DFB und der DFL gezogen.
Martin Kind, 66, ist Präsident von Hannover 96. Er plädiert für eine Öffnung der Bundesligaklubs für Investoren und ist vor das...Foto: ddp

Herr Kind, Hoffenheims Finanzier Dietmar Hopp war offenbar maßgeblich am Verkauf von Luiz Gustavo nach München und der Entlassung von Trainer Ralf Rangnick beteiligt. War das ein Verstoß gegen die sogenannte 50+1-Regel?

Ich kann das nicht abschließend beurteilen, dazu kenne ich die Struktur in Hoffenheim zu wenig. Der Eindruck ist, dass der Finanzier oder Hauptinvestor – aus meiner Sicht legitim – Einfluss auf die Entscheidungsprozesse zu nehmen versucht.

Aber ist das nicht verboten? Nach der Regelung der Deutschen Fußball-Liga, DFL, darf ein Investor nicht die Mehrheit eines Vereins übernehmen, damit er nicht ins operative Geschäft eingreifen kann.

Da bin ich nicht so sicher. Hopp hält ja, wenn ich richtig informiert bin, 49 Prozent der Stimmrechte und hat damit auch wesentlichen Einfluss auf Entscheidungen. Die Wahrnehmung ist, dass er das alles auch mit den Gremien abgestimmt hat. Ich denke, es war immer deutlich, dass Hoffenheim das Baby von Herrn Hopp ist. Er hat die Strategie entwickelt und die Finanzierung sichergestellt.

Und deswegen darf er bestimmen?

Es ist einfach nicht seriös zu erwarten, dass jemand einem Verein oder einem Unternehmen Geld zur Verfügung stellt und sich dann aus den Entscheidungsprozessen heraushält. Einen solchen Investor werden Sie auch nicht finden.

Ist es dann nicht scheinheilig, dass Hopp auch jetzt wieder betont, er würde sich nicht ins Tagesgeschäft einmischen?

Was wir brauchen, sind ehrliche, offene und reproduzierbare Entscheidungsprozesse. Ich bin unabhängig vom Hoffenheimer Beispiel der Auffassung, dass Profifußballvereine Unternehmen sind. Und damit kann nur das Unternehmensrecht gelten. Die 50+1-Regel wird immer dazu führen, dass es zu diskutierende Umgehungstatbestände geben kann.

Wie zum Beispiel Strohmänner?

Da gibt es sicher einige Beispiele. Wenn ein Bundesligaverein kein Geld hat, dann entsteht Kreativität.

Wenn diese Umgehungstatbestände mit Billigung des DFB und der Liga durchgeführt werden, sind dann nicht Glaubwürdigkeit und Wettbewerb bedroht?

Wenn es so wäre, wie Sie es formuliert haben, dass das in Kenntnis des DFB und der DFL so geschehen ist, dann wäre das natürlich eine Wettbewerbsverzerrung, keine Frage. Aber davon gehe ich nicht aus. Ich denke, in Hoffenheim werden sie schon seriös ihre Entscheidungen treffen. Wir müssen das Grundproblem lösen, dann brauchen wir auch nicht über Umgehungstatbestände zu diskutieren.

Die DFL untersucht den Fall jetzt und hat Hoffenheim zur Übersendung von Unterlagen zur Dokumentation des Transfers aufgefordert. Experten versprechen sich davon nicht viel – ist die Regel womöglich gar nicht durchzusetzen?

Ich denke, dass das Lizenzierungsverfahren sicher nicht uneingeschränkt die Kontrollmöglichkeiten sicherstellt, auch da fehlt eine gewisse Transparenz.

Deswegen klagen Sie vor dem Schiedsgericht des DFB und der DFL gegen die Regel?

Ich habe das Verfahren eingeleitet, da ich überzeugt bin, dass die 50+1-Regel zu verändern ist. Die Klage basiert im Wesentlichen auf vier Rechtsfragen. Eine hiervon ist das Wettbewerbsrecht im deutschen Fußball. Es gibt zwei Ausnahmen, in Wolfsburg und Leverkusen. Hier gilt die 50+1-Regel nicht. Jetzt müssen wir sehen, wie das Schiedsgericht entscheidet.

Wann erwarten Sie eine Entscheidung?

Wir haben gerade einen Befangenheitsantrag gegen Götz Eilers (den früheren Chefjustiziar des DFB, d. Red.) gestellt. Herr Eilers hat im Wesentlichen beim DFB die 50+1-Regel mitgestaltet. Ich denke, im ersten Halbjahr kann man dann mit einer endgültigen Entscheidung rechnen.

In der Liga hatten Sie keine Mehrheit für Ihr Ansinnen. Haben Sie in der Zwischenzeit mehr Zuspruch bekommen?

Ich weiß nicht, ob das Zuspruch ist, aber wir haben von anderen Bundesligavereinen und Wirtschaftsprüfern Anrufe bekommen, wann wir ein Urteil erwarten.

Die Klubs suchen schon nach neuen Hopps?

Ich denke, dass sich auch andere Vereine mit der Kapitalbeschaffung und den Rahmenbedingungen beschäftigen. Einige denken wohl über Investoren nach, das kann man so interpretieren.

Andere werden vorschlagen, die 50+1-Regel künftig noch enger zu fassen.

Reglementierungen lösen keine Probleme. Die Marktentwicklungen und -notwendigkeiten können Sie damit nicht in den Griff bekommen.

Die Fans fürchten Investoren, die gar keine Ahnung vom Fußball haben und trotzdem entscheiden wollen.

Diese Frage unterstellt, dass die bisherigen Strukturen in den Vereinen qualifizierter sind. Das bestreite ich. Es sind immer Menschen, die gut oder weniger gut entscheiden. Aber jeder vernünftige Verantwortliche wird sich dort, wo er keine Kompetenz hat, einfach heraushalten. Er darf nur dort entscheiden, wo er auch Kompetenz hat.

Ist das in Hoffenheim der Fall?

Also, Herr Hopp verfügt nach meinen Kenntnissen über ganz gute Erfahrungen im Fußballmarkt. Er hat ja auch früher Fußball gespielt, und daraus sollte sich doch Kompetenz ableiten.

— Das Gespräch führte Christian Hönicke.

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