Interview : Hartwig: "Ich spiele um mein Leben"

Einst auf dem Rasen, heute auf der Bühne: Jimmy Hartwig kämpft auch als Schauspieler – mit Angst vor dem Krebs. Ein Interview.

Interview von Lucas Vogelsang
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Jimmy Hartwig 1982. Damals wurde er mit dem HSV Deutscher Meister. -Foto: dpa

„Ich ging ins Dschungelcamp, weil ich das Geld brauchte. Ich ekel mich dafür vor mir.“



Jimmy Hartwig steht in der Galerie des Leipziger Centraltheaters. Gerade hat Regisseur Thomas Thieme eine der letzten Proben vor der Premiere beendet. Doch Hartwig, der frühere Fußball-Nationalspieler, ist noch immer Woyzeck. Er trägt schwere schwarze Armeestiefel, eine khakifarbene Hose, einen Cardigan in Dunkelgrün und wirkt, nicht nur wegen der Tarnfarben, als hätte er einen Drill der Fremdenlegion hinter sich. Schweiß glänzt auf seiner Stirn, erschöpft lässt er sich in einen Sessel fallen, atmet tief ein, schwer aus. Langsam fällt die Rolle von ihm ab, und es beginnt ein Gespräch über die Kraft, die Theater in einem Fußballer freisetzen kann.

Herr Hartwig, wie viel Woyzeck ist in Hartwig?

Sehr viel. Es gibt jede Menge Parallelen zwischen mir und der Figur. Das, was ich auf der Bühne zeige, ist nicht nur Woyzeck, sondern immer auch Hartwig. Ich kann diese Figur gut verstehen, weil ich früher ganz ähnliche Erfahrungen gemacht habe.

In Offenbach sind Sie als uneheliches Kind allein mit ihrer Mutter in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen ...

... ja, ich war selbst tiefste Unterschicht, ein Gossenkind.

Georg Büchner beschreibt den Woyzeck als einen unterdrückten, psychisch labilen Charakter, ohne eigenen Willen, der benutzt, verhöhnt und von seiner großen Liebe betrogen wird, bis er sich am Ende in einen Blutrausch steigert. Haben Sie auch hier Gemeinsamkeiten entdeckt?

Der Woyzeck ist ein Versuchskarnickel, das seinem Umfeld ausgeliefert ist. Dieses Gefühl kann ich total nachempfinden. Damals in Offenbach gab es einen Jungen, der mich jeden Morgen vor der Schule verprügelt hat. Ich wollte mich wehren, doch ich durfte nicht, weil meine Mutter nicht wollte, dass wir auffallen. Irgendwann gab es aber einen Punkt, an dem ich nicht mehr einstecken wollte, und da habe mich gewehrt. Und genauso ist Woyzeck. Nur, dass er am Ende jemanden umbringt.

Mussten Sie sich auf diese Rolle dann überhaupt noch vorbereiten?

Erst einmal musste ich diese Figur verstehen. Denn mich hat vielmehr interessiert, was dieser Woyzeck eigentlich für ein Mensch ist.

Was haben Sie herausgefunden?

Dass er ein gutmütiger, sensibler und auf seine Art sogar intelligenter Mensch ist, der von seinem Umfeld ständig getreten wird. Da ist der Arzt, der diese Versuche mit ihm macht, für die Woyzeck ein bisschen Geld bekommt. Und dann der Tambourmajor, der Woyzecks Frau flachlegen will, und Woyzeck sitzt daneben und nickt immer nur.

Zumindest da gibt es aber einen Unterschied zwischen Ihnen und der Figur. Sie waren als Fußballer nie jemand, der sich alles gefallen ließ. Kommt Ihnen das auf der Bühne heute zugute?

Ich habe die Leute ja nie bewusst gereizt, aber viele haben sich oft von mir als Typ, von meiner Art und meiner Erscheinung provoziert gefühlt. Ich finde halt immer statt, egal, was ich mache. Auf der Bühne hilft das natürlich.

Ermöglicht Ihnen das Theater, intensiver zu leben?

Natürlich ist es auch das. Das Theater bedeutet mir heute viel, weil ich den Leuten immer auch etwas von mir zeigen kann und ständig in verschiedene, neue Leben schlüpfen kann. Ich weiß ja nicht mehr, wie lange ich noch zu leben habe.

Bei Ihnen wurde 2007 zum dritten Mal Krebs diagnostiziert.

Ich spiele jeden Tag um mein Leben, weil ich jeden Tag eine Unmenge an Arznei schlucken muss. Ich bin durch die Krankheit körperlich extrem angeschlagen. Die vergangenen Wochen habe ich unter Schmerzen gespielt. Aber ich mache hier nicht schlapp.

Warum tun Sie sich das an?

Weil ich hier eine Verantwortung habe. Ich war immer ein Mensch, der, wenn ihm jemand eine Chance gibt, für denjenigen durchs Feuer geht. Egal, ob das meine Trainer Branko Zebec und Heinz Lucas waren oder jetzt Thomas Thieme. Menschen, die an mich glauben, will ich einfach nicht enttäuschen. Und wenn ich jetzt zusammenbreche, wäre das für alle der GAU. Deshalb schlucke ich meine Tabletten und ziehe das durch.

Haben Sie Angst vor den nächsten Wochen?

Vor jeder Vorstellung frage ich mich, ob ich das körperlich durchhalte. Schon wenn der Vorhang aufgeht und ich die Leute sehe, fange ich innerlich an zu beben. Ich stehe ja von der ersten bis zur letzten Minute auf der Bühne. Für mich ist das eine hohe psychische und physische Belastung. Wenn ich nach einem Drittel des Stücks plötzlich merke, dass mein Körper anfängt zu rebellieren, davor habe ich Angst.

Wie gegenwärtig ist der Tod in Ihrem Leben?

Meinen Ärzten habe ich gesagt, dass sie ruhig sein sollen, weil ich nicht wissen will, wie lange ich noch hab’. Doch als jetzt Rolf Rüssmann gestorben ist, habe ich gemerkt, wie es mir wieder den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Das hat mich innerlich erschüttert. Der Rolf ist ja auch an Krebs gestorben. Und ich habe das jetzt schon dreimal gehabt. Da unten und im Kopf. In diesen Momenten beginnt man natürlich wieder nachzudenken.

Gibt es vor dem Hintergrund der Krankheit Situationen in Büchners Stück, die Sie emotional besonders berühren – etwa in den Szenen, in denen Woyzeck auf den Doktor trifft?

Ja. Besonders diese Figur des Arztes erinnert mich ganz stark an meine Zeit nach der ersten Chemotherapie Anfang der 90er. Da gab es einen Professor, den Namen darf ich heute nicht mehr nennen, der mir knallhart ins Gesicht gesagt hat, was ich eigentlich wolle, ich hätte ja eh nur noch zwei Jahre zu leben.

Was geht da auf der Bühne in Ihnen vor?

Wenn mich der Doktor auf der Bühne anschreit, ob ich meine Erbsen schon genommen hätte, da denke ich mir, das ist doch dasselbe Arschloch wie damals. Ich merke dann, wie ich auf der Bühne sofort Wut entwickeln kann, weil der Woyzeck gequält wird, weil ihm Unrecht widerfährt. Da kommt dann viel von früher hoch.

Wie wirkt sich diese persönliche Betroffenheit auf Ihr Spiel aus?

Ich kann dadurch in diesen Momenten die nötige Spannung und Kraft aufbauen, die ich für diese Szenen brauche, in denen alle auf mich einhämmern.

Unter Ihrem Regisseur Thomas Thieme haben Sie in Weimar bereits Brechts „Baal“ und Shakespeare gespielt. Welche Rolle spielt er in Ihrem Leben?

Eine väterliche. Er ist Freund, Ziehvater und Kritiker in einer Person. Thomas würde mich nie ins Verderben schicken. Wenn er merkt, dass ich etwas nicht kann, dann sagt er mir das und zeigt mir, wo ich noch lernen kann.

Trotz Ihrer Affinität zum Theater sind Sie 2004 ins RTL-Dschungelcamp gegangen, davor haben Sie im DSF Call-In-Shows moderiert. Viel tiefer kann man im deutschen Fernsehen nicht sinken.

Das stimmt, tiefer geht’s nicht. Aber es war schon vor dem Camp klar, dass ich danach wieder Theater spielen werde. In den Dschungel bin ich damals gegangen, weil ich das Geld brauchte. Wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst, nimmst du halt, was du bekommst. Heute ekel ich mich dafür vor mir.

Was kommt nach Woyzeck?

Ich habe einige Sachen, die ich machen könnte. Ich kann mir auch gut vorstellen, in die Bundesliga zurückzukehren und in irgendeinem Verein Sportdirektor zu werden, um mit meiner Erfahrung zu helfen. Aber mein Traum wäre es, weiter Theater zu spielen.

In welcher Rolle?

Als Othello. Einen Othello aber, der in unserer Zeit lebt. Mit Straßengangs und Intrigen. Den würde ich gerne spielen. Allein schon wegen der Hautfarbe.

Das Gespräch führte Lucas Vogelsang.

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