Interview : „Hertha und die Meisterschaft? Unrealistisch“

Der Sportpsychologe Werner Mickler, 56, über Herthas Sprung an die Tabellenspitze, Chancen und Risiken.

Interview: Stefan Hermanns
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Der Experte. Mickler ist Dozent an der Sporthochschule in Köln.Foto: promo

Herr Mickler, Hertha BSC ist Tabellenführer in der Bundesliga. Was passiert jetzt in und mit der Mannschaft?



Eine ganze Menge. Auf der einen Seite ist das für die Mannschaft etwas sehr Erfreuliches, eine Belohnung für ihre Arbeit. Auf der anderen muss sie aufpassen, dass sie auf dem Boden bleibt.

Wie funktioniert das?

Hertha hat vor der Saison das Ziel ausgegeben, sich für einen internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. Das ist eine realistische Vorgabe, die sich aus der Analyse der Möglichkeiten ergeben hat. Wichtig ist, dass der Verein daran festhält.

Aber angenommen, Hertha wird am Ende Vierter. Dann hat die Mannschaft ihr Ziel erreicht und ist trotzdem enttäuscht.

Ich weiß nicht, ob man dann von einer Enttäuschung sprechen müsste. Natürlich kann die Mannschaft stolz sein, dass sie die Bayern geschlagen hat und Tabellenführer ist. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Daraus abzuleiten, Hertha müsse jetzt Meister werden, wäre doch eine sehr unrealistische Analyse.

Hertha ist ganz gut damit gefahren, dass die Mannschaft unterschätzt wird.

Richtig. Und das wird sich jetzt ändern. Der Druck nimmt zu, Hertha wird als Tabellenführer wahrgenommen. Den Unterschied werden die Spieler schon am Wochenende in Wolfsburg zu spüren bekommen. Gegen Hertha werden die Wolfsburger noch heißer sein. Sie wollen beweisen, dass sie besser sind als der Tabellenführer.

Was muss der Trainer jetzt tun?

Er muss kontinuierlich weiterarbeiten. Wenn Hertha glaubt, es geht locker und leicht weiter, kann die Mannschaft ganz schnell durchgereicht werden.

Ist das schwierig für einen Trainer?

Im Gegenteil. In schwierigen Zeiten verstehen Spieler Kritik schnell als persönlichen Angriff. In einer Hochphase sind sie offener, sich Fehlern zu stellen und noch intensiver an sich zu arbeiten. Sie sind aufnahmefähiger, weil der Erfolg ihnen Recht gibt. Verbessern kann sich ein Spieler immer noch, selbst als Tabellenführer.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Spieler mit dem Erreichten zufrieden geben?

Das kann sein, aber der Sprung an die Tabellenspitze kann auch ein Motivationsschub sein, weil er zeigt: Ich kann’s, ich hab’s drauf. Aber es wäre falsch, wenn die Mannschaft in eine Defensivstrategie geriete und es nur noch darum ginge, den jetzigen Zustand zu erhalten. Eine solche Strategie trägt nicht weit. Die Spieler müssen sich fragen: Was müssen wir tun, um erfolgreich zu spielen?

Was ist das?

Die Spieler müssen ihre Aufgaben erledigen. Sie sollten sich mit der taktischen Ausrichtung auf den nächsten Gegner auseinandersetzen und versuchen, die Vorgaben des Trainers optimal auf dem Platz umzusetzen. Und ihre nächste Aufgabe heißt: Wolfsburg. Da hilft es nicht, die Tabelle im Kopf zu haben. Natürlich ist es schön, die Bayern geschlagen zu haben, der Sieg bringt den Spielern auch eine unheimlich hohe Anerkennung ein. Aber es ist nur ein einziges Spiel, eine kleine Sequenz aus einem größeren Ganzen.

Ist es nicht feige, dass Hertha nicht mehr will als einen Uefa-Cup-Platz?

Ich würde das nicht feige nennen. Es ist realistisch. Wieso sollte sich Hertha dem Druck aussetzen, Meister werden zu müssen? Der Druck wird jetzt ohnehin zunehmen. Meister müssen in Deutschland nur die Bayern werden – aber damit können die Spieler von Bayern München umgehen, weil sie nichts anderes gewohnt sind.

Könnte ein neues Saisonziel nicht auch eine neue Motivation für Herthas Spieler sein?

Da bin ich skeptisch. Das Saisonziel sollte nicht von einem Spiel abhängen. Man könnte den Titel als Wunsch formulieren, aber nicht als Ziel. Sonst würde ich nur daran gemessen werden. Wenn ich dann Zweiter werde und eigentlich eine sehr gute Saison gespielt hätte, würde dies trotzdem als Misserfolg gelten.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

Werner Mickler, 56,  arbeitet hauptsächlich als selbstständiger Sportpsychologe. Außerdem ist er als Dozent an der Deutschen Sporthochschule in Köln tätig.

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