Interview : Jürgen Klopp: "Das lässt die Leute demütig werden"

Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp spricht über gesunkene Ansprüche und seine Lust am Job.

Interview: Felix Meininghaus

Herr Klopp, wie ist es eigentlich um Ihre persönliche Fitness bestellt?



Wesentlich besser als noch vor einem Jahr. Aber die eineinhalb Stunden gerade auf dem Rad waren der Wahnsinn. Meine Oberschenkel brennen immer noch. Als ich abgestiegen bin, wäre ich beinahe umgefallen.

Sie haben neuerdings Ihre eigene Kollektion mit dem Namen „Übungsleiter K“. Es heißt, sie sei im Schlabberlook gehalten. Um damit die ein oder andere Rundung zu kaschieren?

(zieht das T-Shirt hoch und klopft auf seinen Bauch): Ach, das geht alles noch. Aber die Trikots sind eng auf den Körper geschnitten, die Spieler können so was ja tragen. Das, was als Schlabberlook bezeichnet wird, ist einfach nur normal.

Man hat sie als „Borussenflüsterer“ bezeichnet, die „Ruhr-Nachrichten“ schreiben, sie hätten den Patienten BVB von einer schweren Depression befreit. Fühlen Sie sich als Wunderheiler?

Ich kann mit solchen Begriffen nichts anfangen. Was über mich geschrieben wird, interessiert mich null Komma null. Natürlich bin ich wie jeder Mensch froh, wenn es in der Berichterstattung eine eher positive Tendenz gibt. Aber all die Superlative. Ich bin Trainer, basta.

Was halten Sie von all dem Lob, das auf Sie einprasselt?

Das relativiert sich schnell, wenn der Erfolg ausbleibt. In Dortmund war von Riesen-Euphorie die Rede, und als wir acht Spiele nicht gewonnen haben, fing es an zu rumoren. Oder nach der WM 2006. Da bin ich in der nächsten Saison mit Mainz abgestiegen, schon hieß es: Dieser Blinde soll uns im Fernsehen die Länderspiele erklären?

Wie ist es um Ihre Motivation bestellt, jeden Tag auf dem Trainingsplatz zu stehen? Im Fernsehstudio hätten Sie es leichter.

Stimmt. Aber das, was ich in Dortmund mache, ist genau das, was ich will. Ich freue mich jeden Morgen darauf, zur Arbeit gehen zu dürfen. Und eine Daseinsberechtigung als Fußballer ist es ja, die Leute zu unterhalten. Wir sind ja keine lebensrettende Industrie. Wir haben kein Penicillin oder ähnliches erfunden. Wir gehen raus, damit die Leute Spaß haben. Man muss uns ansehen, dass wir Lust haben und gewinnen wollen. Ich spiele ja auch Mühle, um Spaß zu haben und zu gewinnen. Nur mit dem Unterschied, dass dabei nicht 80 000 zuschauen.

Ist Ihre Position in Dortmund schon so gefestigt wie in Mainz, so dass Sie eine größere Krise überstehen würden?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich glaube von Herbert Widmayer stammt der Spruch, man sei erst ein richtiger Trainer, wenn man einmal rausgeflogen ist. Ich sehe das anders. Ich kann auch ohne diese Erfahrung gut leben.

Fans fordern eine Vertragsverlängerung mit Alexander Frei, doch das passiert nicht.

Wir können unsere Entscheidungen nicht von Fans oder Journalisten abhängig machen. Borussia Dortmund muss sparen, und deshalb warten wir erst einmal ab. Wer behauptet, Alexander Frei sei bei uns unzufrieden, hat keine Ahnung.

In der Schweiz ist das ein Thema.

Das kommt vor allem daher, dass mich der „Blick“ auf dem Kieker hat. Die hatten die Überschrift: Wann stopft Frei Klopp endlich das Maul? Das fand ich so weit unter der Gürtellinie, dass ich einen Interviewwunsch abgelehnt habe. Seitdem ist unser Verhältnis angespannt.

Wie gehen Sie mit der Erwartungshaltung in einem Umfeld um, in dem 50 000 Dauerkarten verkauft werden und die Menschen europäischen Fußball sehen wollen?

Wer sich ein bisschen mit Borussia Dortmund beschäftigt hat, weiß, dass dieser Verein in seiner hundertjährigen Geschichte nicht nur Meister und Champions-League-Sieger geworden ist, sondern auch beinahe an die Wand gefahren worden wäre. Und zwar nicht in der Nachkriegszeit, das ist gerade mal fünf Jahre her. So etwas lässt die Leute demütig werden. Sie wissen, dass wir weiter Schulden abbauen müssen. Einen Huntelaar, einen Berg oder einen Gomez können wir uns im Moment nicht leisten.

Ist es für Sie vorstellbar, in Dortmund genauso lange zu arbeiten wie in Mainz?

Um das zu schaffen, müssten wir zwischendurch mal den ein oder anderen Titel gewinnen oder uns wenigstens für die Champions League qualifizieren. Nur mit Nichtabstiegen kannst du die Leute in Dortmund nicht zufrieden stellen.

Das Gespräch führte Felix Meininghaus

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