Interview : "Klinsmann will, dass wir frei arbeiten“

Bayerns Teammanager Christian Nerlinger über die Anforderungen seines Jobs und die Zusammenarbeit mit dem neuen Trainer.

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Christian Nerlinger 35, ist seit dem 1. Juli Teammanager beim FC Bayern München. -Foto: ddp

Herr Nerlinger, wie lange haben Sie vergangene Nacht geschlafen?

Letzte Nacht war gut, mein Sohn – der ist neun Monate alt – hat durchgeschlafen, und ich auch. Vor kurzem hat er Zähne bekommen. Da war es deutlich unruhiger.

Das klingt nach ganz normalem Privatleben. Vor kurzem war noch zu lesen, dass Sie sich im Moment die Nächte um die Ohren schlagen, weil Sie parallel zu Ihrem neuen Job weiter studieren.

An der Uni sind im Moment zum Glück Ferien. Ab September werden die Nächte wieder kürzer.

Wie viel fehlt denn noch zum Abschluss als Internationaler Betriebswirt?

Zwei Semester. Ich möchte es auch durchziehen. Aber man muss mal sehen, wie das hinhaut. Die Arbeit hier beim FC Bayern hat absolute Priorität, und sie verlangt 100-prozentigen Einsatz. Den Rest muss man sich dann irgendwo rauszwicken.

Das klingt, als seien die Noten für Sie Nebensache.

Was ich bisher vorgelegt habe, war sehr gut. Da hätte ich mich bei keinem Vorstellungsgespräch verstecken müssen. Aber jetzt mit der Doppelbelastung ist der Notenschnitt nicht mehr so wichtig. Da ist es ein Erfolg, wenn man irgendwann sagen kann: Ich habe es durchgezogen.

Was war ursprünglich Ihr Plan für die Zeit nach der Uni?

Ich habe das Studium des Studiums wegen gemacht. In meiner Laufbahn als Fußballer habe ich zuletzt gemerkt, dass die Abhängigkeit vom eigenen Körper einen kaputtmachen kann, und mein Körper hat einfach nicht mehr funktioniert. Deshalb habe ich einen Schnitt gemacht. Ich wollte mich auf einem anderen Niveau noch einmal durchbeißen. Und ich habe gemerkt, dass es das Richtige war. Aber was die Zeit nach der Uni angeht, war ich völlig offen.

Dann kam der Anruf von Jürgen Klinsmann, mit dem Sie bei den Bayern gespielt haben. Was hat er gesagt?

Der Anruf kam sehr überraschend. Wir hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr. Dann trafen wir uns. Er stellte sein Konzept vor, und als er fragte, ob ich mitmachen will, habe ich keine Sekunde gezögert. Bayern ist von jeher mein Verein. Ich habe hier mit 14 angefangen zu spielen.

Sie sind Teammanager, im deutschen Vereinsfußball gab es die Position bisher nicht. Vor einem Monat klangen Sie, als wüssten Sie selbst noch nicht genau, was Sie tagtäglich zu tun haben. Und jetzt?

Mein Job ist außerhalb des direkt sportlichen Bereichs angesiedelt. Aber ich habe mein Büro im Leistungszentrum, in einem Großraum mit dem Trainerstab. So habe ich auch zur Mannschaft einen engen Draht. Ich habe eine Koordinationsfunktion zwischen den Abteilungen, von Medien über Sponsoring, Fanbetreuung, Marketing. Wenn die etwas von den Spielern brauchen, bin ich der Ansprechpartner. Auf der anderen Seite versuche ich den Spielern Dinge abzunehmen.

Zum Beispiel?

Da geht es mal um Marketing- oder Medientermine, mit denen die Spieler auf mich zukommen. Ich sehe dann zu, dass es passt. Oder wenn die Spieler Karten für das Spiel brauchen oder ein Problem mit ihrem Auto haben, organisiere ich das. Auch dafür bin ich mir nicht zu schade. Mit den Spielern zusammenzuarbeiten, macht mir mehr Spaß als gedacht.

Hatten Sie Zweifel?

Ich war jetzt eine Weile weg aus dem Fußball und war mir nicht sicher, ob ich die ganzen Abläufe noch kenne. Und ich wusste auch nicht, wie die Leute auf meine Angebote reagieren.

Ist Ihre Arbeit nicht ein Widerspruch zu Klinsmanns Anspruch, die Spieler zu mehr Selbstständigkeit zu erziehen?

Es kommt nicht so weit, dass der Spieler sich um gar nichts mehr kümmern muss. Ich arbeite auch an der Persönlichkeitsentwicklung. Der Sprachunterricht, den wir anbieten, kommt super an. Im Laufe der Zeit sollen noch andere Angebote hinzukommen, zum Beispiel das Thema Geldanlage oder die Frage, wie die Spieler sich auf das Ende der Karriere vorbereiten.

Sie haben den gleichen Jobtitel wie ein früherer Wegbegleiter Klinsmanns. Sind Sie der Oliver Bierhoff des FC Bayern?

Nach dem, was ich gehört habe, geht es in diese Richtung. Aber Verein und Verband sind schwer zu vergleichen.

Haben Sie sich mit Bierhoff schon ausgetauscht?

Nur kurz. Er war mit der EM ziemlich im Stress. Aber vorige Woche hat er unser Leistungszentrum besucht. Es kann gut sein, dass wir uns noch einmal treffen.

Durch Ihre neue Position kommen Sie auch als Nachfolger von Manager Uli Hoeneß ins Spiel. Können Sie sich das vorstellen?

Ich bin mit meiner Aufgabe sehr zufrieden. Und ich hoffe, dass Uli Hoeneß noch so lange wie möglich im Amt bleibt, vielleicht auch über 2009 hinaus. Er hat über Jahrzehnte bewiesen, dass er einfach der Beste ist. Er lebt diesen Verein mit Haut und Haar.

Kommt eine solche exponierte Position denn überhaupt für Sie in Frage?

Mittel- bis langfristig kann ich mir einen Posten in der Führung schon vorstellen. Im Moment ist das aber kein Thema.

Sie sitzen hier im Trainingsanzug. Ist das Ihre normale Arbeitskleidung?

Im Leistungszentrum schon. Aber wenn wir unterwegs sind, packe ich natürlich den Anzug aus.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Wir treffen uns mit dem Betreuerstab normalerweise um acht Uhr im Kraftraum. Dann kann man auf dem Laufband oder auf dem Fahrrad schon erste Gespräche führen. Anschließend gibt es verschiedene feste Meetings. Und es passieren immer überraschende Dinge, bei denen man improvisieren muss. Vor 18 Uhr ist eigentlich nie Schluss. Bisher hatte ich noch keinen freien Tag. Aber das stresst mich nicht. Es macht einfach Spaß, wieder im Fußball dabei zu sein.

Haben Sie sich Ihr Arbeitsfeld selbst abgesteckt, oder hat Jürgen Klinsmann Ihnen viel vorgegeben?

Er sagt uns allen klipp und klar, dass wir frei arbeiten sollen. Wenn etwas aber nicht so läuft, wie er sich das vorstellt, dann spricht er mich schon drauf an.

Was ist er für ein Chef?

Er ist sehr dynamisch und hat einen unglaublich intensiven Arbeitsstil. Er ist rund um die Uhr hier, macht sich sehr viele Gedanken. Ich würde sagen: Er ist im positiven Sinne ein Antreiber.

Das Gespräch führte Sebastian Krass.

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